Organspende-Skandal Mit Bummeln zum Spenderorgan

Bleibt aber noch ein weiterer Manipulationsverdacht: Eine Recherche der Süddeutschen Zeitung hat ergeben, dass Transplantationszentren in einigen Fällen ein ihnen für einen bestimmten Patienten angebotenes Organ als unpassend ablehnen, es dann aber später einem anderen Patienten verpflanzen.

Eurotransplant ist für die Zuteilung der Organspenden in sieben europäischen Ländern zuständig. Die Grafik zeigt den Anteil der Spender pro Land.

(Foto: SZ-Grafik)

Dies könnte bedeuten, dass Zentren die ihnen angebotenen Organe so lange zurückhalten, bis sie selbst entscheiden dürfen, wer sie bekommt. Denn ob ein Patient, dem Eurotransplant ein Organ zugeordnet hat, dieses wirklich bekommt, darüber entscheidet letztendlich sein Chirurg. Er kann eine Spenderleber, die gerade in seinem Klinikum für Frau Meyer eingetroffen ist, plötzlich als "zu schlecht für Frau Meyer" klassifizieren. Dann müsste Eurotransplant eigentlich den nächstbedürftigen passenden Empfänger suchen. Wenn sich der Chirurg aber genügend Zeit mit seiner Absage lässt, bietet Eurotransplant die Leber nur noch Kliniken in der Nähe an. Denn mit jeder Stunde, die sich eine Leber außerhalb des Körpers befindet, verliert sie an Qualität.

Hat das Zentrum lang genug gebummelt, wollen andere Zentren in der Umgebung das schon Stunden in der Kühlbox liegende Organ auch nicht mehr. In der Folge darf deshalb das Zentrum, an dem sich die Leber befindet, das Organ oft behalten. Außerdem darf es entscheiden, wen es damit beglückt. 115 der insgesamt rund 1100 Spenderlebern des Jahres 2011 sind auf diese Weise an dem Zentrum vergeben worden, das sie zunächst abgelehnt hat. Ob dies Zufall ist oder die Chirurgen dies tatsächlich im Sinn hatten, lässt sich nicht belegen. Eurotransplant ging die eigenmächtige Verwendung jedenfalls zu weit. Auf seine Anregung hin hat die Ständige Kommission Organtransplantation die Vermittlungsregeln jüngst geändert.

Warum aber sollten Kliniken und ihre Chefärzte überhaupt ein Interesse daran haben, Patienten auf hinteren Plätzen der Warteliste zu einem Organ zu verhelfen? Man muss nicht gleich an Bestechung denken, um das zu erklären. Hohe Transplantationszahlen sind wichtig für jedes Zentrum. Sie sind nicht nur gut fürs Image, sondern auch lukrativ: Denn für eine Transplantation bekommt das Klinikum leicht 150.000 Euro. "Jeder Transplantationschirurg steht unter dem wirtschaftlichen Druck seines Krankenhauses", sagt der Leberchirurg Xavier Rogiers vom Uniklinikum im belgischen Gent, der viele Jahre Chef in Hamburg war. Selbst in einem ethisch einwandfreien Haus sei die Transplantationschirurgie ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor.

Eine Verbesserung des Systems der Organvergabe müsste deshalb auch hier ansetzen: Es müsste Kliniken den Anreiz nehmen, möglichst viele Organe zu verpflanzen. Einen solchen Vorschlag hat nun die Deutsche Krankenhausgesellschaft gemacht: Anstatt wie bisher je Fall abzurechnen, sollten Zentren ein Jahresbudget erhalten.

Mediziner fordern dagegen mehr Transparenz über die Erfolge von Transplantationen. Wenn alle Zentren die Überlebensraten ihrer Patienten veröffentlichen müssten, würde stärker darauf geachtet, welcher Patient wirklich von einer Transplantation profitiert. Schlechte Organe, wie sie zuletzt so zahlreich regional vergeben werden, würden dann automatisch weniger nachgefragt, denn sie führen häufig zu schlechteren Operationsergebnissen.