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Organspende-Skandal:Verstoß gegen die Transplantationsrichtlinien

Auf jeden Fall war der Fehler nützlich, als im Frühjahr 2005 bei einer jordanischen Patientin das Leberstück versagte, das ihr zuvor von Hans Schlitt und seinem Oberarzt in Amman transplantiert worden war. Die Empfängerin geriet in Lebensgefahr, weil eine Vene des Organs verletzt worden war. Da waren die beiden Chirurgen schon abgereist.

Die jordanischen Ärzte versuchten verzweifelt und vergebens, die gespendete Leber zu retten. Da aber die Patientin aufgrund der falschen Angaben auf der Regensburger Warteliste stand, bekam sie die Leber eines in Wien verstorbenen Mannes zugeteilt. Der Oberarzt setzte das Organ am 3. April ein - allerdings ohne Erfolg; die Frau starb noch am selben Tag.

Es war dieser Vorfall, durch den die Prüfer auf die Regensburg-Jordanien-Verbindung aufmerksam geworden waren. Die Überführung der Leber nach Jordanien sei ein klarer Verstoß gegen die Transplantationsrichtlinien gewesen, urteilte die Prüfungskommission. Ihr Bericht lässt sogar vermuten, dass es durchaus zum Konzept der bayrisch-jordanischen Zusammenarbeit gehörte, im Notfall eine Leber über Eurotransplant zu besorgen.

Schlitt hingegen führt an, er habe in dieser lebensbedrohlichen Situation lediglich auf das Drängen seines Oberarztes reagiert und ihm nahegelegt, bei Eurotransplant anzufragen, "ob nun ausnahmsweise doch ein Eurotransplant-Organ genommen werden kann". Schließlich hätte die Frau eine solche Leber ja tatsächlich erhalten dürfen, wenn sie - wie ursprünglich geplant - in Regensburg statt in Amman operiert worden wäre. Der Oberarzt habe Eurotransplant dann entgegen der Absprache über den Aufenthaltsort der Patientin getäuscht.

Trotz allem kann Schlitt zwar nicht billigen, aber "psychologisch" nachvollziehen, was sein ehemaliger Mitarbeiter getan hat. "Die Patientin war 43 Jahre alt. Es ist immer eine schwierige Situation, wenn es um Leben und Tod eines jungen Menschen geht." Bis heute preist er die fachlichen Qualitäten des Mannes. Dieser sei ein exzellenter Chirurg, der sich immer "extrem für seine Patienten eingesetzt" habe, so Schlitt. Er sei "sehr überrascht", dass sein früherer Mitarbeiter in Göttingen kriminell gehandelt haben soll. Auch nach dessen Wechsel publizierten sie noch einige wissenschaftliche Arbeiten zusammen.

Operationen aus finanziellen Gründen?

Dass die Kooperation mit Amman wirklich der Ausbildung der jordanischen Ärzte diente, zieht der Prüfungsbericht ebenfalls in Zweifel. Die Regensburger Ärzte hätten kein Konzept für eine solche Ausbildung darlegen können, heißt es darin. Die ersten Patienten operierten der Professor und der Oberarzt allein. Aus finanziellen Gründen? Jede Transplantation wurde nach Angaben der Regensburger Universitätsklinik mit 5000 Dollar vergütet, 75 Prozent davon hätten die Chirurgen bekommen, den Rest das Klinikum.

Die Prüfungskommission sah auch ethische Ansprüche nicht erfüllt. Es sei nicht sicher, ob sich die Regensburger davon überzeugt haben, dass in Jordanien alles mit rechten Dingen zuging, etwa die Spender ihren Leberlappen freiwillig und ohne finanziellen Anreiz abgaben. Im Fall der verstorbenen Patientin gab es laut Bericht widersprüchliche Aussagen dazu, ob die Spenderin nun die Schwester oder die Tochter der Empfängerin gewesen war.

Sicher sei aber, dass die Regeln für Lebendspenden in Jordanien auch damals schon strenger gewesen seien als in Deutschland. "Dort dürfen nur Verwandte ersten Grades spenden und nur im Ausnahmefall auch Verwandte zweiten Grades, während hierzulande eine besondere persönliche Verbundenheit ausreicht", sagt Schlitt.

Die Konsequenzen, die aus den Vorfällen gezogen wurden, waren übersichtlich. Als formal Verantwortlicher für die Vorgänge in seiner Abteilung hat Hans Schlitt auf die Präsidentschaft in der Deutschen Transplantationsgesellschaft verzichtet, für die er auserkoren war. Das Klinikum Regensburg erarbeitete Richtlinien für Organtransplantationen im Ausland, so eine Sprecherin. Weiteren Handlungsbedarf hätte es nicht gegeben, der Fall sei ja ausführlich untersucht worden.

Das Wissenschaftsministerium sorgte dafür, so teilte es mit, dass "das Lebertransplantationsprogramm zwischen Regensburg und Amman" mehr als zwei Jahre nach der Verschleppung der Leber "durch eine Kooperationsvereinbarung institutionalisiert" wurde, die es bis dahin nicht gab. Und der Leitende Oberstaatsanwalt in Regensburg stellte sämtliche Ermittlungen ein - äußerte aber zugleich, er habe "große Sorge mit Hinblick auf den Sachverhalt".

© SZ vom 26.07.2012/sebi

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