Süddeutsche Zeitung

Organspende:Warum sollte ich einen Organspendeausweis ausfüllen?

Laut einer aktuellen Umfrage besitzen 32 Prozent der Deutschen einen Organspendeausweis. Sollten es nicht mehr sein? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Nachdenken, entscheiden, ankreuzen! Der Wunsch des Staates ist klar formuliert. Jeder Bürger soll sich regelmäßig mit der Frage befassen, ob er nach seinem Tod seine Organe spenden will, um sie kranken Menschen zur Verfügung zu stellen. Zu diesem Zweck hat die Bundesregierung im Jahr 2012 die "Entscheidungslösung" im Transplantationsgesetz verankert, dessen Ziel es ausdrücklich ist, "die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland zu fördern". Seither bekommt jeder Versicherte ab 16 Jahren alle zwei Jahre einen Brief von seiner Krankenkasse mit Informationen und einem Organspendeausweis darin. Doch den füllen nur die wenigsten aus: In einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gaben 32 Prozent von 4002 am Telefon befragten Personen an, dass sie einen Organspendeausweis besitzen; 2014 waren das noch 35 Prozent. Nur etwa die Hälfte der Bevölkerung fühlt sich gut über das Thema Organspende informiert. 42 Prozent wünschen sich mehr Informationen. Die Süddeutsche Zeitung beantwortet deshalb die wichtigsten Fragen.

Weshalb soll ich mich entscheiden?

Das wäre besser für alle Beteiligten - für den Spender, seine Angehörigen und auch für die Ärzte. Schließlich kann jeder Mensch jederzeit durch einen Unfall, einen Sturz oder einen ausgedehnten Schlaganfall so stark am Gehirn verletzt werden, dass dieses abstirbt. Sobald der Hirntod eingetreten ist, könnte der Betroffene Organspender werden. Wenn feststeht, wie er oder sie zu einer Organspende stand, müssen sich die Angehörigen in der schweren Stunde des Abschiednehmens nicht auch noch mit der Frage nach der Organentnahme plagen.

Geht der Trend zum Organspendeausweis zurück?

Auf den ersten Blick legen dies die aktuellen Zahlen der BZgA nahe. Doch langfristig weist der Trend nach oben: 2012 lag die Zahl der Menschen mit einem Organspendeausweis bei 22 Prozent, 2013 bei 28 Prozent. Die Krankenkasse Pronova BKK kommt zudem in einer Online-Befragung von 1630 Personen aktuell sogar auf 43 Prozent. Allerdings sind all diese Zahlen nur das Ergebnis von Befragungen - und Menschen neigen in Umfragen dazu, Antworten zu geben, die sie für sozial erwünscht halten.

Weshalb ist es das Ziel der Bundesregierung, dass Menschen eine positive Entscheidung zur Organspende treffen?

"Diese Entscheidung kann Leben retten", betont Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Die Förderung der Organspende wird deshalb von vielen Gesundheitspolitikern getragen. Auch die Kirchen sprechen sich für die Organspende aus. Mehr als 10 000 Menschen warten in Deutschland auf ein neues Organ. Die Spende von Herzen, Lebern und Lungen sind unmittelbar lebensrettend. Nieren und Bauchspeicheldrüsen können Leid lindern. Zudem nutzt die Medizin zahlreiche Gewebe - etwa die Hornhaut der Augen, die das Sehvermögen wiederherstellen kann. So gaben in der BZgA-Umfrage 77 Prozent an, mit ihrem "Ja" zur Organ- und Gewebespende anderen Menschen helfen zu wollen.

Ist es legitim, sich trotzdem gegen die Organspende zu entscheiden?

Ja. Ethiker, Philosophen und Theologen sind sich weitgehend einig, dass eine Entscheidung gegen die Spende der eigenen Organe legitim ist. Jeder Mensch sei in dieser Frage völlig frei, betont der Theologe Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Die Entscheidung über die Organspende sei so individuell wie die Haltung zum Sterben und zum Tod.

Ist man wirklich tot, wenn man Organspender wird?

In der BZgA-Umfrage äußern 20 Prozent der Befragten Angst und Unsicherheit, was die Organentnahme betrifft. Gewiss ist: Hirntote Menschen können nicht mehr ins Leben zurückkehren. Weil sie künstlich beatmet werden, schlägt ihr Herz zwar noch und ihre Organe werden durchblutet, doch die Funktion des gesamten Gehirns ist unwiederbringlich erloschen. Den Hirntod müssen zwei Ärzte unabhängig voneinander feststellen. Dabei kam es in den vergangenen Jahren in Einzelfällen zu Fehlern. Einem noch Lebenden wurden nach aktuellem Kenntnisstand in Deutschland aber nie Organe entnommen. Die Kritik am Hirntodkonzept ist vornehmlich philosophisch begründet - etwa wenn Ethiker die Definition des Lebens nicht allein am Zustand des Gehirns festmachen, sondern an der Integrität des Körpers.

Organspendeskandale nähren Ängste - was ist dran?

Kann man den Ärzten vertrauen?

19 Prozent der von der BZgA Befragten sind der Meinung, dass man dies nicht tun kann. Tatsächlich zeigten die Organspendeskandale an zahlreichen Universitätskliniken, dass sich Ärzte in den vergangenen Jahren nicht immer an die geltenden Regeln gehalten haben. So machten sie ihre Patienten auf dem Papier kränker, als sie in Wirklichkeit waren, damit diese bei der Organvergabe bevorzugt werden. Seit der Aufdeckung dieser Unregelmäßigkeiten hat sich am deutschen Transplantationssystem allerdings viel verändert. Die Kontrollen sind erheblich schärfer geworden.

Wird nicht mehr alles für mich getan, wenn ich Organspender bin?

29 Prozent derjenigen, die sich in der Pronova-BKK-Umfrage gegen eine Organspende aussprachen, befürchten, dass Ärzte Spender eher sterben lassen. Dass dies geschieht, ist sehr unwahrscheinlich. Ärzte, die sich um schwer Schädel-Hirn-Verletzte kümmern, haben meist nichts mit Patienten zu tun, die auf ein Organ warten.

Kann ich auch eingeschränkt zustimmen?

Ja. Auch wenn man "Ja" auf dem Organspendeausweis ankreuzt, kann man dieses auf ganz konkrete Organe beschränken. Ebenso kann man über alle Gewebe einzeln verfügen. Laut der Pronova-BKK-Umfrage wollen 73 Prozent der Spendewilligen alle ihre Organe spenden, 27 Prozent geben eine Auswahl vor. Am größten ist die Bereitschaft bei Nieren und Leber, gefolgt von Herz und Lunge. Am geringsten ist sie bei Geweben, die kein Leben retten.

Bin ich mit 65 Jahren zu alt für eine Spende? Und was ist mit Rauchern?

Früher war der junge verunglückte Motorradfahrer der typische Organspender. Das ist längst nicht mehr so. Zunehmend werden sogar Organe von Hochbetagten verwendet. Heute sind 50 Prozent der Spender über 55 Jahre alt und 30 Prozent über 65. Auch Organe von genesenen Krebskranken und Rauchern sind willkommen. Bei Letzteren ist die Lunge oft nicht transplantabel, wohl aber sind es Nieren, Leber und Herz.

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Quelle:
SZ vom 02.06.2016/moko/fehu
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