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Organspende:Ärztepräsident Montgomery fordert eine Widerspruchslöung für Deutschland

Nach Ansicht vieler Experten würde die Widerspruchslösung, die beispielsweise in Österreich gilt, mehr Kranken zu neuen Organen verhelfen: Menschen müssen sich aktiv gegen eine Organspende im Falle ihres Hirntods aussprechen. In Deutschland gilt bislang die Zustimmungslösung: Nur wer sich zu Lebzeiten aktiv dafür entscheidet, dem werden im Falle eines Hirntods Organe entnommen - auf die allein in Deutschland mehr als 10 000 Menschen dringend warten.

Ärztekammerpräsident Montgomery ist "neidisch auf die Kollegen in Holland, zumindest auf ihre Ergebnisse". Als Arzt müsse man aber die restriktiven Regeln zur Transplantation in Deutschland befolgen. In den Koalitionsverhandlungen sei eine Gesetzesänderung bisher kein Thema. In Deutschland erklären sich in Umfragen zwar 80 Prozent der Menschen zur Spende bereit - theoretisch. In der Praxis haben aber nur etwas mehr als 30 Prozent einen Organspenderausweis.

Ärzte, Funktionäre, Patientenvertreter, sie alle wollen helfen. Nur über den optimalen Weg gibt es Uneinigkeit. Und darüber, welche ethischen Werte wie zu gewichten sind. "Wenn es einen Fernseher für den Spender gibt, was ist denn schon dabei", sagt Stefan Berger. "Genau das ist die schiefe Ebene, auf die wir nicht geraten dürfen", fährt Ärztepräsident Montgomery dazwischen. "Dann können sich nur noch die Reichen ein Organ leisten - dann haben wir tatsächlich eine Zweiklassenmedizin!" Allerdings sind auch bei der Lebendspende innerhalb der Familie, die in Deutschland zulässig ist, Deals nicht auszuschließen. Wenn etwa der Onkel sagt, ich mache das nur für dich, wenn ...

Deals müsste man ausschließen, auch unter Verwandten

Wichtig sei es, das Vertrauen der Menschen in die Medizin zurückzugewinnen. "Der Organspende-Skandal war ein gefundenes Fressen für alle, die schon immer ihre Unsicherheit begründen wollten", sagt Gudrun Ziegler vom Forum Organtransplantation. "Und jetzt sind die Vorbehalte und Vorurteile gegenüber einer Spende nur schwer aus den Köpfen zu bekommen." Dass sich die Zahl der Organspenden in Deutschland von Tiefstwert zu Tiefstwert hangelt, hat allerdings nicht nur mit der zurückhaltenden Bevölkerung zu tun, wendet Montgomery ein. "Viele Kliniken melden keine potenziellen Spender, Transplantationsbeauftragte finden zu wenig Beachtung und eine Organentnahme rechnet sich schlicht nicht für Krankenhäuser. "Das muss besser vergütet werden", so der Kammerpräsident. "Und dann muss es auch mal heißen, macht den OP frei für eine Organentnahme oder wir brauchen jetzt ein Intensiv-Bett!"

Die Gruppe der Nierenkranken ist die größte unter allen Patienten, die auf ein Organ warten. Darunter fallen jedoch nicht nur jene 8000 Menschen, die auf der Warteliste stehen. Insgesamt sind 100 000 Menschen in Deutschland auf regelmäßige Blutwäsche per Dialyse angewiesen.

Und die Patienten aus dem Film? Bei Camilla Corporal war eine 62-Jährige, die sich nach dem Facebook-Aufruf zur Spende bereit erklärt hatte, letztlich doch nicht geeignet. Dann hat Camilla plötzlich eine postmortale Spende bekommen, alles musste schnell gehen. Heute treibt sie wieder Sport und ist zuversichtlich. Bei Lammert Hoomma meldete sich eine Facebook-Bekannte, er hat jetzt eine Niere von ihr. Er hat nur einen Wunsch mit seiner neuen Niere: Er will wieder einen Spaziergang mit seiner Tochter Margit machen, das war zuvor unmöglich.

An diesem Montag zeigt der TV-Sender Arte um 19.40 Uhr den Beitrag: "Bitte eine Niere! Organspende via Facebook".

© SZ vom 05.02.2018

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