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Online-Psychotherapien:Deutsche Therapeuten zögern

Und wenn schon Therapeuten Schwierigkeiten haben, den Überblick zu behalten, ist die Lage für Patienten umso verwirrender. Dabei ist der Bedarf für eine Online-Therapie groß. Immerhin warten Menschen mit psychischen Problemen in einigen Bundesländern mehr als vier Monate auf ein Erstgespräch beim Therapeuten. Der Zwang zur Mobilität erschwert es manchen Patienten, regelmäßig einen Therapeuten aufzusuchen. Doch wer im Netz nach ortsunabhängigen Angeboten sucht, stößt auf Ratlosigkeit. In Foren wird mal auf die Telefonseelsorge verwiesen, mal gänzlich an der Existenz seriöser Angebote gezweifelt. Eine Heilpraktikerin empfiehlt ihr eigenes Forum, in dem sie "auch selber viel" schreibe.

Seriöse Online-Behandlungen gibt es in Deutschland, abgesehen von einigen Projekten an Kliniken und Universitäten, hingegen kaum. Theoretisch wären sie möglich. "Sofern ein Therapeut seinen Patienten zur Diagnosestellung, Aufklärung und in größeren Abständen zur Verlaufskontrolle persönlich sieht, kann er ihn auch aus der Ferne behandeln, ohne seine Sorgfaltspflicht zu verletzen", sagt Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. In der Praxis zögern viele Therapeuten, was auch an rechtlichen Erwägungen liegen dürfte. Wie sorgt man für schnelle Hilfe, wenn der Patient auf der Alm oder auf Dienstreise nach Dubai in eine Krise gerät? Hätte man nicht eher bemerken müssen, dass es dem Patienten schlechter geht? Hätte man ihn häufiger persönlich sehen müssen? Solche Fragen wird sich nicht nur der Therapeut, sie könnte auch ein Ermittler stellen, warnt Richter.

Christine Knaevelsrud würde mehr Online-Angebote in Deutschland begrüßen und führt als Vorteil an, dass Patienten mehr Flexibilität erhalten und häufig stärker zur aktiven Mitarbeit angeregt werden als bei herkömmlichen Therapien. Dagegen zeigt sich Rainer Richter skeptisch. Er glaube gerne, dass beispielsweise ein Patient mit Höhenangst aus der Ferne zum schrittweisen Überwinden seiner Beschwerden angeleitet werden könne. Doch er bezweifelt, dass eine Online-Therapie auch bei schweren Lebens- und Sinnkrisen nützen könne. Noch gebe es kaum Erfahrungen, wie etwa eine psychodynamische oder systemische Psychotherapie online durchgeführt werden könnte.

Hans Kordy, Leiter der Forschungsstelle für Psychotherapie an der Universität Heidelberg, hält grundsätzlich "viel von der Nutzung moderner Informationstechnologie", wendet aber ein, dass für viele der internetbasierten Ansätze noch nicht bewiesen sei, dass sie besser wirken als die bewährten Therapie-Sitzungen. Zudem hält er die Versorgungslage in Deutschland für nicht so schlecht, dass ein massiver Ausbau von Fern-Therapien überhaupt nötig sei. Nicht "neue Moden" würden gebraucht, sondern "wissenschaftlich geprüfte und für Patienten hilfreiche Ergänzungen". Kordy sieht das Potential der Online-Behandlungen daher vorrangig "in den Randbereichen der Versorgung", bei der Prävention oder Nachsorge etwa.

Wie das funktionieren kann, zeigt seit zehn Jahren die an der Universität Heidelberg entwickelte "Internet-Brücke", die zu den etablierten Online-Angeboten gehört. Patienten, die aus psychosomatischen Reha-Kliniken entlassen werden, treffen sich wöchentlich mit einem Therapeuten zur Gruppentherapie im Chatroom. Das Risiko, dass die während der stationären Behandlung erreichten Verbesserungen im Alltag verlorengehen, reduziert sich so um ein Drittel. Für 53 Prozent der Patienten führt die "Internet-Brücke" allerdings aus dem virtuellen zurück ins reale Setting: in eine ambulante Psychotherapie, die aus nächster Nähe erfolgt.

© SZ vom 25.08.2011

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