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Online-Handel mit Muttermilch:Lukrativer Körpersaft

  • Es gibt sie in Eiscreme, Lutschern und im Online-Handel: Das Geschäft mit menschlicher Muttermilch boomt.
  • Sie wird als natürliches "Super-Lebensmittel" mit wundersamer Wirkung beworben. Davon ist jedoch nichts nachweisbar.
  • Die Risiken für die Gesundheit des Konsumenten sind beachtlich.

Bodybuilder berichten von verbessertem Muskelaufbau und prophezeien mehr Erfolg im Fitness-Studio. Ältere Herren glauben an die segensreiche Wirkung bei nachlassender Manneskraft. Zur Stärkung des Immunsystems und sogar gegen Krebs wird das "reine Naturprodukt" mittlerweile angepriesen. Zudem sei es besser verdaulich. Immer mehr Menschen sehen in menschlicher Milch ein Allheilmittel und die ultimative Lifestyle-Ernährung - und zwar nicht für Babys, sondern für Erwachsene. Die Reaktionen auf den neuen Trend schwanken zwischen Befremden und Ekel.

In Großbritannien gibt es bereits Eiscreme aus Muttermilch zu kaufen, in den USA werden Lutscher angeboten, die mit Frauenmilch gesüßt sind. Der Online-Handel mit roher Muttermilch für Erwachsene boomt und ruft mittlerweile Ärzte und Gesundheitspolitiker auf den Plan. Im ehrwürdigen Journal of the Royal Society of Medicine warnen Sarah Steele und weitere Mediziner vor Risiken des Körpersaftes, dessen gesundheitlicher Nutzen für ausgewachsene Menschen durch nichts belegt sei (Bd. 108, S. 208, 2015).

Muttermilch enthält erheblich weniger Eiweiß als Kuhmilch. Während diese Zusammensetzung optimal auf Säuglinge abgestimmt ist, entspricht Muttermilch nicht mehr den Bedürfnissen Erwachsener und trägt deshalb keineswegs zu einer ausgewogenen Ernährung bei. "Es gibt keine wissenschaftlich ernst zu nehmenden Hinweise darauf, dass Muttermilch einen gesundheitlichen Nutzen hat", sagt Steele. "Mehr als den Placeboeffekt kann man nicht feststellen." Alle Berichte über mehr Leistung, verbesserte Abwehrkräfte oder gar die Heilung von schweren Leiden seien unseriös.

Kunden unterschätzen Infektionsrisiko

Zudem ist die Hygiene des privat via Internet vertriebenen Produkts nicht gewährleistet. Forscher fanden in 93 Prozent der zufällig ausgewählten Proben Bakterien in der rohen Milch, in 74 Prozent der Fälle waren Keime darunter, die sich nur schwer eindämmen lassen. Anders als in den zugelassenen und regelmäßig kontrollierten Milchbanken für Babys achtet niemand darauf, dass Frauen ihre online angebotene Milch auf hygienische Weise gewinnen, die Behälter zuvor sterilisiert haben und für einen einwandfreien Transport sorgen.

Das Infektionsrisiko, das von roher Muttermilch ausgeht, ist nicht zu unterschätzen. Zwar geben die meisten Mütter an, während der Schwangerschaft auf diverse Krankheiten getestet worden zu sein. Um einen gewissen Schutz vor HIV, Hepatitis, Syphilis und Cytomegalie zu haben, muss das Blut aber regelmäßig untersucht werden; eine Infektion der Mutter ist schließlich auch in den Wochen nach der Geburt möglich

Als "kranke Idee" bezeichnen die Ärzte um Sarah Steele denn auch den Glauben daran, mit menschlicher Muttermilch ein sauberes "Super-Lebensmittel" gefunden zu haben, das zugleich stark, fit und gesund macht. Statt sich etwas Gutes zu tun, setzen sich die Konsumenten unnötigen Gesundheitsgefahren aus, riskieren Verunreinigungen und Infektionen - und können nicht einmal sicher sein, ob das vermeintliche Wunderelixier nicht mit Wasser oder Soja-Milch gestreckt wurde, um das Volumen des lukrativen Safts zu erhöhen.

© SZ vom 18.06.2015/mahu
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