bedeckt München

Online-Bewertungen:Zehnmal Lob für 118,88 Euro

Landarztpraxis

Praktiziert hier ein guter Arzt? Früher musste man ihn aufsuchen, um es herauszufinden. Heute lesen viele Menschen zuerst Bewertungen im Internet.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)
  • Agenturen bieten Medizinern gegen Geld positive Bewertungen in Arztportalen an.
  • Teilweise werden diese Dienste als "Notwehr" gegen schlechte Bewertungen deklariert.
  • Juristisch bewegen sich die Anbeiter in einer Grauzone.

Von Astrid Viciano

Verschwiegen muss das Geschäft sein und unauffällig. Ein, zwei Klicks auf einer Webseite, und schon poliert die Agentur das Image des Arztes auf, so wie ein unsichtbarer Lappen das Silberbesteck. Für 999,99 Euro können Mediziner 25 positive Kommentare kaufen, die dann wie von Geisterhand auf Arztbewertungsportalen wie Jameda oder Sanego erscheinen. Vielleicht soll es gleich das XXL-Jahrespaket sein? Das macht 3799 Euro, für sieben positive Kommentare pro Monat. Wie viele andere Agenturen ruft Wecomblue Mediziner in ihren Schreiben derzeit zur "Notwehr" auf. Zur Notwehr gegen verärgerte Patienten oder böswillige Konkurrenten, die mit schlechten Kommentaren im Netz das persönliche Ansehen oder den Ruf der Praxis zu ruinieren drohen.

Kaum ein Thema bringt Ärzte so in Rage wie die Bewertungsportale im Internet. Anbieter wie Jameda, Sanego oder die Weiße Liste wollen Patienten eine Orientierung bieten. Anhand von Noten oder Sternchen können die Nutzer sehen, wie andere Patienten die Mediziner bewertet haben und deren Kommentare lesen. Was manche als wichtige Information betrachten, sehen andere als falsches Signal. "Die medizinische Versorgung ist keine Serviceleistung wie eine Autoreparatur", sagt Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Die Beziehung zwischen Arzt und Patient sei entscheidend, um gemeinsam eine gute Therapieentscheidung zu treffen. Längst hätten Studien gezeigt, dass Patienten eher ihre Medikamente einnehmen und auf einen gesunden Lebensstil achten, wenn sie ihrem Arzt vertrauen.

Steht einmal eine negative Bemerkung im Netz, kann das für den betroffenen Arzt und seine Praxis schlimme Folgen haben. "Wir stehen dann im Internet öffentlich am Pranger", sagt Scherer. Kein Wunder also, dass Agenturen wie Wecomblue den Medizinern weismachen wollen, dass sie sich wehren sollten. Inzwischen haben die Zahnärztekammern Westfalen-Lippe und Hamburg ihre Mitglieder vor Wecomblue gewarnt. "Wir wollten vermeiden, dass unsere Kollegen auf dumme Gedanken kommen", sagt Peter Kurz, Geschäftsführer der Hamburger Zahnärztekammer. Wecomblue selbst hat sich trotz mehrfacher Nachfrage der Süddeutschen Zeitung nicht dazu geäußert.

Was diese Agenturen den Medizinern als "Notwehr" verkaufen, stellt in Wahrheit ein perfides System dar, das die Bewertungen im Netz zu einer absurden Maskerade macht. Was, wenn Mediziner mit schlechten Noten nun positive Kommentare einkaufen? Wenn nicht besonders kompetente, sondern besonders gerissene Ärzte die meisten Sterne erhalten?

Längst wird im Internet nach den Noten von Hotels für den nächsten Urlaub gesucht, nach der Anzahl der Sternchen für Restaurants oder nach Bewertungen von Bademützen. Zwei Drittel der Online-Käufer nutzen Kundenbewertungen in Online-Shops als Entscheidungshilfe, so ergab es eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom im Dezember 2016, unter den 14- bis 29-Jährigen waren es sogar drei Viertel. "Die Anbieter von gefälschten Bewertungen nehmen umso mehr zu, desto mehr die Benotungen im Internet Teil des Wettbewerbs werden", sagt Tatjana Halm, Rechtsanwältin und Referatsleiterin des Bereichs Markt und Recht bei der Verbraucherzentrale Bayern. Bei der Wahl der Bademütze mag das nicht immanent bedeutsam sein, bei der Wahl des Arztes dagegen schon.

Der Anbieter Stardoc hat die nebulöse Firmenadresse "Goldson Highway, Südamerika"

Mediziner selbst fühlen sich meist persönlich getroffen, wenn sie online schlechte Noten erhalten. "Dann ist die Versuchung groß, positive Bewertungen zu kaufen", sagt Dirk Paulukat, stellvertretender Landesvorsitzender des Berufsverbands der Augenärzte in Hessen. Er selbst erhielt am 2. März 2018 die E-Mail einer Agentur namens Bewertungs-Fabrik, mit dem Angebot, drei positive Bewertungen für das Arztbewertungsportal Jameda und fünf positive für Google zu kaufen, für insgesamt 149,90 Euro. "Ärgern Sie sich über zu Unrecht erhaltene negative Bewertungen? Diese sind nicht nur ärgerlich, sondern schaden Ihrer Praxis. Wir können Ihnen helfen", hieß es im Schreiben.

Auch einer Kollegin des Augenarztes schickte die Bewertungs-Fabrik ein ähnliches Angebot, ebenso der Weißenhorner Stiftungsklinik bei Neu-Ulm. In diesem Jahr erreichte den Augenarzt eine weitere, diesmal von der Agentur Bewertungs-Support. Er setzte, aus Neugier, am 24. Oktober eine Testbestellung ab. Zehn positive Google-Bewertungen für 118,88 Euro.

Zu einer Transaktion kam es nicht mehr, denn laut Website hat der Bewertungs-Support seinen Betrieb eingestellt, auch die Bewertungs-Fabrik ist heute unter der angegebenen Mobilnummer nicht mehr zu erreichen Bei der Bewertungs-Fabrik wie beim Bewertungs-Support wird das Unternehmen VLIMC Limited auf Zypern als Betreiber genannt. "Wir spielen seit Jahren ein juristisches Katz-und-Maus-Spiel, auch weil viele Anbieter gern ihren Namen und auch ihre exotischen Wohnorte wechseln", berichtet Elke Ruppert, Pressesprecherin des Arztbewertungsportals Jameda.

So sitzen zum Beispiel die Anbieter Goldstar Marketing und Bewertungsdoc auf Malta, "Bewertungen kaufen" auf Mallorca, und Wecomblue, die Agentur mit den XXL-Jahrespaketen, hat ihren Sitz in Hongkong. Der Anbieter Stardoc dagegen firmiert unter der nebulösen Firmenadresse: Goldson Highway, Südamerika. Hier dürfte allein schon die Zustellung einer gerichtlichen Vorladung eine juristische Meisterleistung sein.

Vor ein paar Wochen aber ließ ein Urteil Jameda und andere Portale aufhorchen. Das Landgericht München hat erfundene Bewertungen im Internet erstmals für rechtswidrig erklärt. Das Hotelbewertungsportal Holidaycheck hatte erfolgreich gegen die Agentur Fivestar Marketing geklagt. Künftig darf Fivestar keine Bewertungen von Menschen mehr verkaufen, die nicht tatsächlich in dem jeweiligen Hotel oder Ferienhaus übernachtet haben. Und Fivestar muss dafür sorgen, dass die entsprechenden Fake-Bewertungen gelöscht werden und dem Urlaubsportal mitteilen, von wem die erfundenen Bewertungen stammten. Ob Fivestar nach dem Urteil sein Angebot verändern wird, möchte die Agentur nicht kommentieren.

Tatsächlich bewegen sich die Anbieter käuflicher Bewertungen bislang in einer rechtlichen Grauzone. Einig sind sich Medizinrechtler, dass sie gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb verstoßen. Doch fordern Bewertungsportale wie Jameda und Holidaycheck, diese Angebote als Betrug und damit als Straftat zu werten. "Sonst ist den Anbietern rechtlich schwer beizukommen", sagt Georg Ziegler, verantwortlich für den Bereich Bewertungen bei HolidayCheck.

Allein bei Jameda sollen 20 Mitarbeiter die Qualität der Bewertungen zu überwachen. Unterstützt werden sie dabei von Algorithmen, die anhand von insgesamt 50 Kriterien nach Auffälligkeiten suchen, etwa, ob Bewertungen in ganz Deutschland vom selben Computer abgesendet wurden, ob die E-Mail-Adressen verschiedener Kommentare identisch sind, ob es sprachliche Auffälligkeiten gibt oder ob IP-Adressen einen Verdacht nahelegen. "Oft ergeben sich in den Fake-Bewertungen von Agenturen mit der Zeit Muster, die unser System identifiziert und daraufhin Alarm schlägt", erklärt Jameda-Sprecherin Ruppert. So werden etwa zehn Prozent der bei Jameda eingehenden Bewertungen gelöscht, da sie der Qualitätsprüfung nicht standhalten, beim Konkurrenten Sanego zwölf bis 13 Prozent.

Ein Betreiber von Kommentar-Agenturen fordert Geld für die Löschung von Kundendaten

Wenn ein Arzt auf einen möglicherweise erfundenen Kommentar hinweist, müssen die Bewertungsportale das überprüfen, so urteilte der Bundesgerichtshof im Jahr 2011. "Dann müssen die Plattformen die Kritiker kontaktieren und um eine Stellungnahme bitten", sagt Ulrich Franz, Fachanwalt für Gewerblichen Rechtsschutz in Berlin. In einer Art Pingpong-Spiel müssen die Portale die Stellungnahme des Kritikers dann dem kritisierten Arzt vorlegen, der sich wiederum dazu äußern kann. "In 80 Prozent der Fälle kommt es aber gar nicht dazu, weil die Kritiker auf die Rückfragen nicht reagieren", sagt Franz. Dann muss die Plattform den Kommentar löschen. Daher empfiehlt Franz betroffenen Medizinern, auffällige Bewertungen stets zu beanstanden.

Vor einem Jahr ging Jameda selbst gegen 18 Ärzte vor. Die Mediziner hatten positive Bewertungen von Agenturen wie Goldstar, Fivestar und der Bewertungs-Fabrik gekauft. Nach dem Gerichtsverfahren wurden die gekauften Kommentare entfernt, und die ertappten Ärzte mussten eine Unterlassungserklärung unterschreiben, dass sie künftig keinerlei Manipulationen ihrer Bewertungen mehr vornehmen.

Aber auch andere ehemalige Kunden der Bewertungs-Fabrik und des Bewertungs-Support schlafen derzeit womöglich schlecht. Deren früherer Betreiber VLIMC Limited aus Zypern hat seine einstige Kundschaft mit Zahlungsforderungen behelligt: Bis zum 30. November 2019 stelle VLIMC seinen Betrieb ein, doch lägen alle Kundendaten auf einem Server in der Türkei. "Es geht hier um alle Daten, die mit der Bestellung der Bewertungen zusammenhängen. Das bedeutet, Ihre Adresse, Zahlungen an uns, der Link, der bewertet wurde, die Namen und der Text der Bewertungen", so erklärt es VLIMC seinen ehemaligen Kunden in einem Schreiben, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Um die Daten in der Türkei löschen zu lassen, müssten die Kunden rasch Geld überweisen, 299 Euro. Kunden, die einst für positive Bewertungen gezahlt haben, werden also erneut zur Kasse gebeten. Auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung klingt das plötzlich ganz anders: VLIMC beteuert, dass sich "keine Daten mehr auf angemieteten Servern befinden". Sie seien alle ausnahmslos gelöscht worden.

© SZ vom 16.12.2019
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