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Onkologie:"Das System ist durch die Euphorie im Moment etwas überhitzt"

Der Immuntherapie gegen Krebs drohte also das endgültige Aus, als Forscher in den USA einen anderen, neuen Ansatz an einem guten Dutzend hoffnungsloser Hautkrebsfälle testeten. Im Mittelpunkt stand ein Effekt, den man in den Jahren zuvor in der Grundlagenforschung entdeckt und untersucht hatte. Demnach wird das Immunsystem auf Krebszellen zwar aufmerksam. Manche dieser Krebszellen aber besitzen ein Art Tarnung, ein Signal, mit dem sie die Körperabwehr täuschen. "Der Tumor sagt: Halt, ich bin ein Freund", erklärt Seufferlein.

Vermittelt wird die Botschaft über Eiweißmoleküle auf der Oberfläche des Tumors, die von Krebsmedizinern als Checkpoints bezeichnet werden. Gegen einen dieser Checkpoints fand man einen Antikörper, mit dem sich das Tarn-Signal blockieren ließ. Schon bei den ersten 14 Patienten, die diesen Antikörper erhielten, waren die Effekte dramatisch: Sechs durchlitten massive Nebenwirkungen, weil ihr Immunsystem heillos überreagierte. Bei drei Patienten aber schrumpfte der Krebs. Bei zweien verschwand er.

13 Jahre liegt die Studie zurück, seither wurde der verwendete Antikörper mit dem unaussprechlichen Namen Ipilimumab gegen zahlreiche andere Krebsarten getestet. Es wurden neue Antikörper entwickelt, die gezielter gegen die Tarnung der Tumorzellen vorgehen und weniger Nebenwirkungen haben. Auch bei Lungenkrebs, Blasenkrebs, an Kopf- und Halstumoren und auch bei einer Brustkrebsart können die Checkpoint-Blockaden manchmal noch in fortgeschrittenem Stadium helfen. Die Experten betonen dabei, dass die neue Immuntherapie meist nur für eine kleine Gruppe von Patienten geeignet ist, in der Regel profitiert nur jeder Zwanzigste. Allmählich zeichnet sich allerdings auch ab, was an diesen Patienten besonders ist.

"Aus den bisherigen Studien lässt sich ein Muster ablesen", sagt Keilholz. "Tumore mit vielen genetischen Veränderungen sprechen auf Checkpoint-Inhibitoren an. Tumore mit wenigen Mutationen sprechen auf diese Therapie nicht an." Für die Immuntherapie zählt demnach, wie auffällig der Tumor dank seiner gesammelten Veränderungen für das Immunsystem aussieht, sobald die Tarnung beseitigt ist. In welchem Gewebe der Krebs wächst, verliert an Bedeutung.

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"Die Krebstherapie atomisiert sich", sagt Seufferlein. "Die Grenzen zwischen den vielen Tumorarten, die wir kennen, lösen sich auf." Der Ulmer Krebsexperte hat erlebt, wie sich deshalb selbst bei schwer behandelbaren Krebsarten Türen öffnen: Sogenannte Plattenepithelkarzinome der Speiseröhre zum Beispiel, gegen die es keine gezielte Behandlung gab, sprechen in einigen Fällen sehr gut auf die neue Therapie an.

Gibt es also nur noch zwei Arten von Krebs - einen, den der eigene Körper erledigen kann, wenn man ihm den Weg frei räumt? Und einen, der unsichtbar bleibt für das Immunsystem, dafür dann aber womöglich mit molekularen Therapien behandelt werden kann? Ganz so einfach ist es wohl nicht. Wo im Körper der Krebs wächst, entscheidet durchaus noch darüber, wie stark sich der Krebs ändert. Eine Form des Lungenkrebses und auch der schwarze Hautkrebs sammeln im Laufe ihres Wachstums häufiger Mutationen an als Tumoren in anderen Geweben. Deshalb sind Checkpoint-Antikörper wie Ipilimumab oder Nivolumab bei diesen Tumoren auch überdurchschnittlich häufig erfolgreich. Beim Melanom sogar in bis zu 70 Prozent der Fälle, sagt Keilholz. Vor zwei Jahren nannten Experten hier noch 50 Prozent. "Es ist noch viel Luft nach oben da, zum Beispiel, indem man Wirkstoffe kombiniert", sagt der Berliner Onkologe.

Es bleibt aber auch Luft nach unten. Man wisse noch nicht, wie viel besser die Immuntherapie gegenüber etablierten Behandlungsansätzen letztlich sein werde, sagt Seufferlein. "Das System ist durch die Euphorie im Moment etwas überhitzt." Dazu kommt, dass gerade die neuen Immuntherapien mit ihren teils extrem hohen Kosten auch extrem hohe Erwartungen wecken. Während Onkologen in jedem Monat, den ein Patient länger lebt, bereits einen Erfolg sehen, erhoffen sich viele Krebskranke deutlich mehr.

"Wenn es für 60 000 bis 100 000 Euro dann keine Heilung gibt, sondern zehn Monate mehr Lebenszeit - da sind manche schon enttäuscht", berichtet Seufferlein. "Dabei sind echte Heilungen heute immer noch selten - und deshalb auch nicht das erste Ziel." Es gehe vielmehr darum, aus dem Todesurteil eine Krankheit zu machen, mit der man möglichst lange leben kann. Und zwar so, dass das Leben lebenswert bleibt, trotz der Behandlungsphasen - und trotz der Chemotherapie, die für die Mehrheit der Krebspatienten nach wie vor überlebenswichtig bleibt, aber eben auch eine Prüfung. Immerhin, neue Medikamente helfen gegen Übelkeit und Durchfall. Auch das sind wichtige Fortschritte. "Der Patient soll nicht an seinem Krebs sterben", sagt Ulrich Keilholz. "Es soll aber auch nicht an der Therapie zugrunde gehen."

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