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Corona-Ausbruch in NRW:Das Virus darf keinen Vorsprung bekommen

Coronavirus in NRW: Mobile Testteams in Rheda-Wiedenbrück

Helfer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) nehmen vor einem Haus in Rheda-Wiedenbrück die Personalien der Bewohner auf. 40 mobile Testteams sind an diesem Tag unterwegs, um Angestellte der Firma Tönnies zu Hause in ihrer Quarantäne aufzusuchen und zu untersuchen.

(Foto: dpa)

Nur zögerlich hat sich die Regierung des bevölkerungsreichsten Bundeslandes zum Lockdown in Gütersloh durchgerungen - das ist am Ende gefährlich für alle.

Der R-Wert schnellt in die Höhe wie zu den frühen, schlimmen Zeiten der Pandemie - und niemand regt sich wirklich auf. Die Reproduktionszahl R gibt an, wie vielen Menschen ein Infizierter den Corona-Erreger im Durchschnitt weitergibt. Ist er unter eins, kommt der Ausbruch irgendwann zum Erliegen. Liegt er darüber, breitet sich das Virus aus. Am Dienstagmorgen bezifferte das Robert-Koch-Institut den Wert mit 2,76 - somit stecken 100 Infizierte 276 Menschen an. So hoch war der Wert seit Monaten nicht. Er lag zuletzt über Wochen beruhigend stabil unter 1,0.

Ist das die zweite Viruswelle, vor der so oft gewarnt wird und die bereits in anderen Ländern anhebt? Nicht unbedingt. Schuld am R-Anstieg tragen einige größere Ausbrüche. In Deutschland bisher beispiellos in der Größe ist der im Fleischereibetrieb Tönnies im Kreis Gütersloh. Aber auch andere Ausbrüche zahlen auf den hohen R-Wert ein: in einer Glaubensgemeinschaft in Berlin, in mehreren Schulen in Magdeburg, in Folge von Familienfeiern in Göttingen.

Im Grunde ist es ein gutes Zeichen, dass R so empfindlich reagiert auf solche Ereignisse. Zeigt es doch, dass insgesamt die Zahl der Infektionen auf einem recht niedrigen Niveau angekommen ist. Hätten wir noch jeden Tag 2000 gemeldete Neuinfektionen in Deutschland, würden sich die Großausbrüche nur in der Nachkommastelle bemerkbar machen.

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Gefährlich ist die Lage dennoch und wird es bleiben. Insbesondere der Ausbruch im Kreis Gütersloh und der Umgang damit in der Region vergrößert das Risiko, dass der Erreger wieder großflächig Fuß fasst in Deutschland. Wenn das Virus etwas gelehrt hat in den vergangenen Monaten, dann dies: Wenn man ihm Raum gibt, breitet es sich rapide aus.

Seit bald einer Woche sind die Ausmaße des Ausbruchs in Gütersloh bekannt. Es gab die Vereinbarung zwischen den Bundesländern, dass bei Überschreiten von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern in einer Woche wieder strenge Anti-Corona-Maßnahmen gelten sollen. Der Wert im Kreis Gütersloh liegt weit darüber. Erst am Dienstag verkündete Ministerpräsident Armin Laschet, dass zwar doch wieder strenge Anti-Corona-Regeln gelten sollen im betroffenen Landkreis. Die Urlaubspläne für das Ende der Woche müssten aber nicht gestrichen werden. Wer soll das verstehen? Und wer weiß, wohin das Virus reisen wird?

Niemand kann die Situation besser beurteilen als die Seuchenbekämpfer vor Ort, das ist klar. Die entscheidende Frage für sie ist, ob sich der Ausbruch auf die Arbeiter und ihre Familien beschränkt oder ob das Virus auch in der weiteren Bevölkerung wieder angekommen ist. Das wurde und wird mit Hochdruck untersucht. Doch mit der Entscheidung für Gegenmaßnahmen zu warten, bis die Ergebnisse vorliegen, birgt das Risiko, dem Virus wieder einen Vorsprung zu lassen.

Das ist nicht nur heikel für das ganze Land, sondern für viele Menschen auch verstörend: Das bevölkerungsreichste Bundesland hält sich nur zögerlich und inkonsistent an die vereinbarten Regeln. Genau vor solchen Alleingängen haben erst am Samstag mehr als 20 medizinische Fachgesellschaften, die sich zum "Kompetenznetz Public Health zu COVID-19" verbunden haben, in einer Stellungnahme gewarnt. Darin fordern sie ein wissenschaftlich begründetes Vorgehen der Bundesländer, bei dem die Maßnahmen immer wieder nachvollziehbar gegen deren Folgeschäden abgewogen werden.

Besonders wichtig ist dabei das Wort "nachvollziehbar". Es war ein gemeinsamer Kraftakt aller Menschen in Deutschland, das Virus niederzuringen. Warum sollen sich der Einzelne und die Einzelne jetzt noch an die Regeln halten, wenn es die Regierungen schon nicht tun? Es ist und bleibt eine gewaltige und schmerzvolle gemeinsame Aufgabe, den Erreger weiter unter Kontrolle zu halten. Sobald die Bemühungen nachlassen, bricht sich das Virus wieder Bahn.

© SZ
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