Kindsentwicklung:"Druck durch Erzieherinnen und Lehrer"

Die Kinderärzte sehen die Ursache für die Misere freilich woanders. Der Düsseldorfer Arzt Hermann-Josef Kahl, Vorsitzender des Ausschusses für Prävention und Frühtherapie des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), sagt: Dass generell zu viele Kinder therapiert würden, sei nicht Schuld der Ärzte. Eher stecke dahinter der Druck von Erzieherinnen, Lehrern und Logopäden in den Kitas. "Die Eltern nehmen lieber eine Therapie auf, als sich vorwerfen zu lassen, sie hätten etwas versäumt. Wir reden uns um Kopf und Kragen und schaffen es manchmal nicht, die Unruhe aus der Welt zu schaffen." Kahl hofft, dass neue Richtlinien für Vorsorgeuntersuchungen die Entwicklungsschritte im Untersuchungsheft deutlicher herausstellen, damit die Eltern schriftlich haben, dass das Kind normal ist. Das würde sie beruhigen.

Eltern werden zu einem normalistischen Blick auf ihre Kinder erzogen

Die Erziehungswissenschaftlerin Helga Kelle von der Universität Bielefeld hat untersucht, wie Vorsorgeuntersuchungen in der Praxis durchgeführt werden und wie Ärzte und Eltern miteinander kommunizieren. Sie bestätigt, dass die Ärzte mit schnellen Diagnosen zurückhaltend sind. "Die Ärzte vermeiden tendenziell, Kinder zu stigmatisieren. In die Befundschemata schreiben sie manchmal nur Stichworte wie Motorik statt einer offiziellen Kennziffer für eine Störung. So erinnern sie sich daran, bei der nächsten Untersuchung noch einmal darauf zu achten." Aber Helga Kelle sagt auch: "Eltern werden zu einem normalistischen Blick auf die Entwicklung ihrer Kinder erzogen. Unabhängig davon, ob überhaupt Störungen festgestellt werden, haben die fortlaufenden Vergleiche mit der Altersgruppe Einfluss auf die Art, wie Eltern ihre Kinder sehen."

Eltern erwarten von Kinderärzten zum Beispiel, dass sie Ratschläge zur Kindesentwicklung erteilen, obwohl die Ärzte dafür nicht ausgebildet sind. "Wenn Ärzte den Eltern sagen, sie sollten die Motorik der Kinder fördern, ist das eine pädagogische Beratung", sagt Kelle. "Die ist in den Kinder-Richtlinien nicht beschrieben." Der Auftrag der Untersuchung sei die Früherkennung von Krankheiten, nicht die Primär-Prävention. Dass Ärzte trotzdem präventiv beraten, sei ein internationaler Trend. Neue Richtlinien müssten dies berücksichtigen, dann wäre die Primär-Prävention auch als Ausbildungselement für Kinderärzte leichter zu etablieren.

Am Ende bleibt es den Eltern überlassen, wie sie mit einer Förderempfehlung umgehen. Die amerikanische Erziehungspsychologin Jane Healy appelliert jedenfalls, mit der ständigen Vergleicherei aufzuhören. "Es gibt heute Eltern, die ihren Kindern am liebsten schon in der Gebärmutter Lernkarten hinhalten oder durch ein Stethoskop auf dem Bauch "buh buh" rufen würden. Wir sind zu weit gegangen: Wir haben den Eltern das Gefühl gegeben, dass im Gehirn der Kinder ein großes Durcheinander herrscht, wenn etwas in den ersten drei Jahren schief läuft." Das sei völlig falsch: "Wenn Kinder eine Fähigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht entwickelt haben, können sie das später immer noch."

Der amerikanische Blogger und Vater David Vienna gibt Eltern, sobald sie feststellen, dass andere Kinder etwas besser können als die eigenen, einen besonders schlichten Rat: "Calm the F*ck Down - Regt Euch verdammt noch mal ab!" Es sei der wichtigste Rat, den Eltern bräuchten.

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