Kindsentwicklung:Die Hälfte der Late-Talker holt von allein auf

"Wir brauchen nach wie vor bessere Instrumente, um früh zu erkennen, welche Entwicklungswege im Bildungsmisserfolg münden - und zwar ehe Therapien überhaupt nötig sind", sagt Marcus Hasselhorn, Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt. "In einigen Bereichen fehlen solche Instrumente, in andern scheitert es an der Umsetzung, außerdem spielen subjektive Einschätzungen oft eine große Rolle."

Kinderärzte etwa müssen schon in den Vorsorgeuntersuchungen die sprachliche Entwicklung der Kinder einschätzen. Weist ein Kind im Alter von zwei Jahren keinen Wortschatz von etwa 50 Wörtern auf, gilt es als Late-Talker. Die Hälfte dieser Late-Talker holt von selbst auf, die andere Hälfte nicht. Warum das so ist, wissen Forscher nicht. Das erschwert dem Arzt allerdings die subjektive Entscheidung, ob er eine Förderung empfehlen sollte. Immerhin können Kinder Defizite auch noch später, mit drei Jahren aufholen - falls sie denn erkannt werden.

Doch auch in Kindertagesstätten gibt es in der Sprachdiagnostik viel Frust. Das Mercator-Institut für Sprachförderung legte Ende 2013 eine ernüchternde Studie vor: Pädagogen und Sprachwissenschaftler der Universität Köln hatten 32 Qualitätskriterien für Sprachscreenings erarbeitet. Nur acht der 16 Verfahren in deutschen Kitas erfüllten mehr als die Hälfte der Kriterien. Die Kölner Forscher bemängelten auch hier, dass die Verfahren nicht objektiv seien. Je nach Bundesland und Verfahren gelten zwischen zehn und 50 Prozent der Kinder als auffällig.

In Nordrhein-Westfalen etwa setzte die Landesregierung bis vor Kurzem den Sprachtest "Delfin 4" ein. Die Kinder absolvierten ihn in Spielform in der vertrauten Kindertagesstätte, aber auch eine fremde Grundschullehrerin war anwesend. Erzieherinnen kritisierten die gestellte Situation, einige Kinder schwiegen konsequent. Sie mussten den Test wiederholen, im Zweifel kamen sie in die Förderung, ohne dass erwiesenermaßen Bedarf bestand. Anfangs galt jedes vierte Kind als auffällig. "Man hatte das Instrument nicht gut vorbereitet", sagt Hasselhorn. "Eine Nachjustierung machte die Quote realistischer, aber es waren immer noch zu viele, und ausgerechnet jene zehn Prozent, die eine Förderung brauchten, fielen teilweise nicht auf." Die rot-grüne Regierung setzte das Screening 2015 wieder ab. An Stelle von "Delfin 4" sollen die Erzieherinnen die Kinder ganzjährig beobachten und auf Störungen achten - was auch wieder subjektive Entscheidungen erfordert.

50 Prozent

der Kinder werden in manchen Tests heute als auffällig diagnostiziert, insbesondere, wenn es um Wortschatz und Sprechvermögen geht. Normabweichungen gibt es aber nicht nur in Sprache und Motorik. Seit vielen Jahren werden zunehmend auch Verhaltensstörungen diagnostiziert: Mehr als jedes fünfte Kind gilt heute als psychisch auffällig. Experten schätzen jedoch, dass nur ein Viertel dieser Kinder behandlungsbedürftig ist.

Geht es darum, die motorische Entwicklung zu beurteilen, sind die Verfahren noch schlechter. Etwa die Hälfte der geförderten Kinder bräuchte die Förderung gar nicht. Von den Kindern, die nicht gefördert werden, bräuchte wiederum die Hälfte eine Förderung. "So eine Bilanz geht zu Lasten der Kinder", sagt Hasselhorn. Der Pädagoge schlägt vor, in den Kitas mehr Fachpersonal einzusetzen. "Vor zehn Jahren gab es in der Frühpädagogik in Deutschland zwei Studiengänge, heute gibt es etwa 60." Qualifizierte Leute gebe es reichlich, aber die Kitas hätten keine Stellenbeschreibungen für sie. In den Studiengängen würden diagnostischen Fragen ausgiebig behandelt. "Wir haben die Vision, dass in jeder Kita eine Person mit einer solchen Ausbildung arbeitet. Die Screenings müssten dann viel weniger formalisiert sein." So ein Personal würde womöglich das Vertrauen in die Kitas stärken.

Denn ob ein Kind normal ist oder nicht - in dieser Frage vertrauen Eltern selbst in den Kita-Jahren lieber ihren Kinderärzten. Doch die sind gar nicht für alle Fragen rund um die kindliche Entwicklung qualifiziert - und weniger nah dran am Leben der Familien als Erzieherinnen. Einige Ärztebeachten zum Beispiel nicht, dass sich die Lebensbedingungen in den letzten Jahren geändert haben. "Bestimmte Impulsivitäten überinterpretieren manche Ärzte als ADHS und starten eine Behandlung mit Ritalin", sagt Hasselhorn. "Auch wenn man generell auf Ritalin-Behandlungen nicht verzichten kann - wir gehen davon aus, dass das Medikament in doppelt so vielen Fällen verschrieben wird, wie angemessen wäre." Sehr häufig wird hoher Fernsehkonsum als Risikofaktor gesehen. Eltern aus sozial benachteiligten Familien betrachten jedoch einen Fernseher im Zimmer der Kinder als Zeichen des Wohlstands.

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