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"No Covid"-Strategie:Rein in die grüne Zone

Coronavirus - Österreich

Ein wichtiger Baustein des "No Covid"-Papiers ist die Kontrolle von Mobilität - und zwar nicht nur an Landesgrenzen.

(Foto: Barbara Gindl/dpa)

Verschiedene Zonen, Tests und Isolation von Infizierten: Wie Wissenschaftler das Virus nach Ende des Lockdowns im Zaum halten wollen.

Von Hanno Charisius

Mit einem Maßnahmenpaket wollen 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diverser Fachrichtungen das Coronavirus in Deutschland unter Kontrolle bringen. Am Mittwoch veröffentlichte die Gruppe, zu der die Virologin Melanie Brinkmann, der Soziologe Heinz Bude und der Ökonom Clemens Fuest zählen, ein Papier mit Handlungsoptionen, mit denen es gelingen soll, die Pandemie nicht nur einzudämmen, sondern die tägliche Zahl der Neuinfektionen auch so niedrig zu halten, dass Lockerungen der Gegenmaßnahmen mit geringem Risiko für neue Ausbrüche möglich sind und die Schäden für die Gesellschaft minimiert werden. In ihrem Papier heißt es: "Der Ansatz der No-Covid-Strategie ist, im Sinne einer Schadensbegrenzung mit möglichst geringen gesundheitlichen, wirtschaftlichen und demokratischen Verlusten und Folgeschäden durch die globale Pandemie zu kommen."

Während die Fallzahlen in Deutschland elendig langsam sinken, sich neue Mutationen ausbreiten, die das Virus gefährlicher machen, und die Impfungen nur schleppend vorangehen, sei es wichtig, dem Virus nicht mehr hinterherzujagen, sondern proaktiv gegen den Erreger vorzugehen, so argumentiert das Team. "Die Strategie zielt darauf ab, den derzeitigen Trend fallender Neuinfektionen zu unterstützen und abzusichern", heißt es in dem Papier, das auf eine frühere Veröffentlichung aufbaut. Bei niedriger Inzidenz sollen "umfassende und nachhaltige Lockerungen in allen gesellschaftlichen Bereichen" möglich sein, "während ein Wiederanstieg der Infektionszahlen und, damit einhergehend, weitere Lockdowns abgewendet werden". Das Ziel sei, das Leben während der Corona-Pandemie trotz der hochansteckenden neuen Varianten zu erleichtern. "Die Vorschläge basieren auf den international erfolgreichsten Anti-Corona-Maßnahmen", heißt es in dem Papier. Die Gruppe nennt die verschiedenen Maßnahmen "Toolboxen", die sie als Handreichungen für politische Entscheider in Deutschland und Europa verstehen.

Die Aussicht auf mehr Freiheiten soll motivieren, die Regeln einzuhalten

Was klingt wie die Erlösung nach monatelanger Starre, ist ein Maßnahmenpaket, das strenge Maßstäbe anlegt. Deutschland solle in Zonen eingeteilt werden, etwa auf Landkreisebene, die je nach Inzidenz rot oder grün gekennzeichnet werden. Rot ist jede Zone mit mehr als zehn Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner und Woche. Ab einer Inzidenz von zehn oder weniger kommt die Zone in den grünen Bereich, doch erst, wenn zwei Wochen lang keine Infektionen mit unklarem Ursprung mehr aufgetreten sind, wird die Zone wirklich grün mit weitgehenden Lockerungen - allerdings bei Beibehaltung aller bekannten Hygienemaßnahmen. Auch in der Übergangsphase von Rot nach Grün sollen bereits Lockerungen möglich sein. Aktuell würde nach diesen Vorgaben kein Landkreis grün eingefärbt. Allerdings gibt es einige, insbesondere in den nördlichen Bundesländern, die bei gleichbleibendem Trend nach den Vorstellungen der "No Covid"-Gruppe bald erste Lockerungen erlauben könnten.

Die Aussicht auf Lockerungen und ein normales Leben mit wenig Einschränkungen sei geeignet, um die Bevölkerung zum Mitmachen und Einhalten der Regeln zu motivieren, schreiben die Autorinnen und Autoren. Damit keine Infektionen aus roten Bereichen in grüne Zonen eingeschleppt werden, müsse die Mobilität eingeschränkt werden. Aus kleinen Zonen, die schnell grün werden können, würden mit der Zeit größere zusammenhängende Bereiche, in denen sich die Menschen frei bewegen können. Dies funktioniere auch über Ländergrenzen hinweg, wenn die Regeln europaweit einheitlich umgesetzt würden. "Das Konzept wandelt eine zentrale Schwäche unseres derzeitigen Pandemie-Managements - die Zergliederung der Zuständigkeiten im föderalen System - in eine Stärke um", schreibt das Team. "Die Regionen werden motiviert, ihre eigene Situation durch proaktives Handeln zu verbessern."

Bislang erreicht kein einziger Landkreis in Deutschland die höchste Lockerungsstufe

Um das Virus in einer Zone dauerhaft zu kontrollieren, sei es elementar, Ausbrüche früh zu erkennen, Verdachtsfälle und Infizierte schnell zu isolieren und die Quarantäne auch zu kontrollieren, heißt es weiter in dem Papier. Es sei "von höchster Bedeutung, endlich die Zeit zwischen der Ansteckung und der Quarantäne zu verkürzen". Dazu müsse nicht nur großzügig getestet und die Ergebnisse schnell übermittelt werden, auch die Prozesse bei den Gesundheitsämtern müssten verbessert werden. In einem eigenen Kapitel weisen die Autorinnen und Autoren darauf hin, dass kein Zielkonflikt zwischen Gesundheitsschutz und Wirtschaft bestehe, sondern die Wirtschaft von einem schnellen Ende der Anti-Corona-Maßnahmen profitieren würde.

Gibt es eine Garantie, dass diese Werkzeuge einen Weg durch die Pandemie bahnen können? Leider nein. Deutschland könnte es zum Beispiel als zentrales europäisches Transitland schwerer haben, die notwendigen niedrigen Fallzahlen zu erreichen und zu halten, als andere Regionen. Wenn der gesellschaftliche Rückhalt für dieses Vorgehen fehlt, ist es ebenfalls zum Scheitern verurteilt. Außerdem ist eine verbesserte, schnellere Fallverfolgung durch die Gesundheitsämter zwingend notwendig. Doch einen Versuch könnte es wert sein. Die Alternative wäre, so schreiben die Wissenschaftler, "auf den nächsten Anstieg von Neuinfektionen zu warten, der in weitere Lockdowns münden würde". Wer will das schon?

© SZ
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