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Coronavirus:Wie wir ohne Covid-19 leben können

Coronavirus - Stuttgart

Ein PCR-Test, wie er für die Analyse auf Mutationen des Coronavirus vorbereitet wird. Die Mutanten sind ein Warnsignal, dass Varianten auftreten können, gegen die keine Immunität besteht.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Um sich aus dem Zyklus von Lockdowns und Lockerungen zu befreien, muss Europa gemeinsam und koordiniert agieren.

Gastbeitrag von Melanie Brinkmann, Devi Sridhar, Guntram Wolff und weiteren Autoren

Impfungen sind ein zentrales Element auf dem Weg aus der Corona-Pandemie. Jedoch schwindet die Hoffnung, in Europa eine Herdenimmunität bis zum Ende des Sommers zu erreichen, weil der Impfstart schleppend verläuft. Zudem sind die Mutanten aus Brasilien, dem Vereinigten Königreich, Südafrika und anderen Ländern ein Warnsignal, dass Varianten auftreten können, gegen die keine Immunität besteht. Ein globales Ende der Pandemie erscheint daher im Jahr 2021 unmöglich. Um in Zukunft weitere Lockdown-Zyklen zu vermeiden, müssen wir die Verbreitung des Virus so bald wie möglich eindämmen und einen nachhaltigen Weg einschlagen. Die europäische Strategie muss ihre Zielrichtung verlagern: weg von langfristigen und landesweiten Lockdowns hin zur Kontrolle des Virus.

Wir rufen Politiker und die Öffentlichkeit auf, eine europäische Eliminierungsstrategie zu verfolgen, die auf drei Säulen aufbaut: Impfungen, grüne Zonen sowie Strategien und Technologien für Tests und Nachverfolgung. Wichtig ist, dass dies von einer klaren, einheitlichen und transparenten Kommunikationsstrategie begleitet wird. Wir sind Teil einer Gruppe internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die diesen Weg unterstützen, darunter Mediziner, Epidemiologen, Virologen, Mathematiker, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler. Einige von ihnen haben jüngst einen Aufruf in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht. Das von deutschen Wissenschaftlern entworfene No Covid-Konzept liefert Werkzeuge zur Umsetzung der Strategie.

Das Vorhaben, das Virus europaweit kontrollieren zu wollen, erscheint überwältigend. Und doch ist dieses Ziel erreichbar, indem gemeinsame Maßnahmen definiert werden, mit deren Hilfe virusfreie grüne Zonen entstehen und geschützt werden.

Öffentliche Gesundheit und wirtschaftlicher Wohlstand sind keine konkurrierenden Ziele

Je kleiner die Zonen sind und je weniger Mobilität es zwischen ihnen gibt, desto schneller gelingt der Weg heraus aus dem Lockdown. Da die Einteilung in Zonen aber politisch, wirtschaftlich und sozial akzeptiert und lokal durchgesetzt werden muss, sollte jedes Land einen eigenen Ansatz wählen. Beispielsweise könnte sich Frankreich für Départements oder Regionen entscheiden, Deutschland könnte Landkreise oder Bundesländer wählen, und ein kleines Land wie etwa Litauen könnte sich dafür entscheiden, insgesamt als eine Zone betrachtet zu werden.

Eine Zone würde als grün eingestuft, sobald dort der Ursprung jeder Infektion bekannt ist und die Test- und Nachverfolgungsstrategie die unkontrollierte Verbreitung verhindern kann. Grüne Zonen können schnell zum normalen Leben zurückkehren: Kinder können wieder sicher zur Schule gehen, Restaurants, touristische Einrichtungen und Geschäfte können wieder betrieben werden. Reisende können sich zwischen den grünen Zonen frei bewegen.

Sobald eine Zone grün ist, gilt es zu verhindern, dass das Virus wieder eingeschleppt wird. Dies gelingt durch Reisebeschränkungen, Tests und die Bereitschaft, schnelle und konsequente lokale Eindämmungsmaßnahmen umzusetzen, sollten Infektionen wieder aufflammen. Einreisende aus nicht-grünen Zonen müssten einen negativen Test vorlegen und bei Ankunft in Quarantäne. Hierzu bedarf es keiner Grenzposten, sondern der Vernunft der Menschen und eventuell Bußgelder. Daneben ist für notwendige Reisen ein effektives Test- und Überwachungssystem erforderlich, wobei der besondere Fokus auf Transitbereichen, Arbeitsorten, Schulen und anderen Orten mit hohen Besucherzahlen liegt.

Eine grüne Zone zu werden, ist den Aufwand wert. Wirtschaftlich und sozial gesehen werden fast alle kurzfristigen Kosten durch die Vorteile aufgewogen, die entstehen, wenn man sich schnell aus den Fesseln der Pandemie befreit. Öffentliche Gesundheit und wirtschaftlicher Wohlstand sind keine konkurrierenden, sondern komplementäre Ziele. Darüber hinaus wirkt die Aussicht auf eine sichere Rückkehr zur Normalität der wachsenden Müdigkeit in der Bevölkerung entgegen und sorgt für Motivation und Stärkung der lokalen Gemeinschaften. Je mehr grüne Zonen entstehen, desto mehr medizinische und wirtschaftliche Unterstützung kann auf rote Zonen konzentriert werden.

Auch wenn es derzeit unrealistisch erscheint: Im vergangenen Sommer hatten die meisten Regionen Europas hinreichend niedrige Fallzahlen, um als grün gelten zu können. Außerhalb unseres Kontinents hat sich das klare Bekenntnis zur Eliminierung von Covid-19 als erfolgreich erwiesen.

Das Ziel der grünen Zonen eröffnet einen klaren Weg, durch den die Pandemie so unbeschadet wie möglich überstanden werden kann. Europa sollte die Gelegenheit nicht verpassen, auf seine Stärke und Einigkeit zu bauen. Ein koordinierter Plan wäre am effektivsten, um das Virus vom Kontinent zu eliminieren. Die europäischen Entscheidungsträger haben zunehmend ihre Bereitschaft gezeigt, die Hindernisse der Bürokratie und Politik zu überwinden, um sich der Herausforderung der Pandemie zu stellen. Als Wissenschaftler appellieren wir an unsere politische Führung und die Mitbürger: Wählen Sie eine Eliminierungsstrategie von Covid-19 und führen Sie uns zu dauerhaften grünen Zonen, in denen das Leben sicher und so weit wie möglich zur Normalität zurückkehren kann.

Dieser Text wurde von mehr als 20 Wissenschaftlern verfasst und erscheint auch in "de Volkskrant", "El País", "La Repubblica", "Le Monde", und "Rzeczpospolita". Die Liste der Unterzeichner: www.covid-greenzone.com

© SZ
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