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Niederländische Studie:Risiken unter bestimmten Umständen erhöht

Zweifelsohne aber haben auch Hausgeburten Nachteile: Etwa jede achte muss abgebrochen und in der Klinik fortgeführt werden; der Anteil ist bei Erstgebärenden besonders hoch. "Allerdings verlaufen rund 92 Prozent dieser Verlegungen ohne Eile, etwa wegen eines Geburtsstillstandes oder weil die Mutter erschöpft ist und eine PDA wünscht", erklärt die Hebammenwissenschaftlerin Bauer.

Für die zur Welt kommenden Kinder scheinen die Risiken zu Hause unter bestimmten Bedingungen erhöht zu sein. Zwar ergaben frühere Studien insgesamt keinen Vorteil für eine Geburt in der Klinik. Aber bei Kindern von Erstgebärenden war die Komplikationsrate unter der Hausgeburt sehr wohl erhöht, wie 2011 eine britische Studie namens Birthplace in England herausfand. So kamen bei Hausgeburten 9,3 schwere Vorfälle auf 1000 Babys, in der Klinik waren es 5,3, in Geburtshäusern 4,6. Zu diesen Vorfällen zählt zum Beispiel die Neonatale Enzephalopathie, eine krankhafte Veränderung des Gehirns, die etwa durch Sauerstoffmangel ausgelöst wird; oder die Mekoniumaspiration, bei der der schwarze Darminhalt des Kindes in die Lungen gelangt, was zu Atemnot und Herzkreislaufstörungen führen kann.

Viele Ärzte wie auch Seelbach-Göbel raten deshalb von der Hausgeburt ab. In einer Stellungnahme der DGGG heißt es: "Die größtmögliche Sicherheit für Mutter und Kind kann nur in einer Geburtsklinik gewährleistet werden." Manche Experten halten es gar für unverantwortlich, in den eigenen vier Wänden zu gebären. Der Statistiker Olsen, der auch Autor einer Analyse der Cochrane Collaboration zum Thema Geburts-Ort aus dem Jahr 2012 ist, meint dagegen: "Es gibt keine Studien, die belegen, dass Klinikgeburten sicherer sind, wenn die Hausgeburt einem gewissen Standard entspricht."

Säuglingssterblichkeit in den Niederlanden auffallend hoch

Wichtig ist vor allem eine gut ausgebildete Hebamme. "Hebammen, die in Deutschland außerklinisch arbeiten, sind in der Regel hoch qualifiziert", versichert Nicola Bauer. Laut Hebammengesetz kommen Hausgeburten infrage, wenn die Mutter keine Vorerkrankungen hat und der Weg von zu Hause in die Klinik nicht länger als 20 Minuten dauert. "Demgemäß könnte auch eine Erstgebärende eine Hausgeburt machen", sagt Bauer.

Die Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG) erstellt jährlich einen Bericht, in dem Komplikationen, Verlegungen und Sterblichkeitsraten ermittelt werden. Mehr als 10.000 Kinder sind demnach im Jahr 2011 in Deutschland außerhalb der Klinik geboren. Mehr als 99 Prozent der Lebendgeborenen hatten einen Apgar-Wert von sieben oder mehr. Das bedeutet, dass der Gesundheitszustand dieser Neugeborenen von den jeweils ausführenden Hebammen mit "sehr gut" bewertet wurde.

In den Niederlanden, wo die Hausgeburten gemäß der neuen Studie für die Mütter so positiv verliefen, gebären 20 bis 30 Prozent der Frauen zu Hause, während in Deutschland gerade einmal zwei Prozent eine Geburt außerhalb der Klinik ernsthaft erwägen. Allerdings ist die Säuglingssterblichkeit in den Niederlanden im internationalen Vergleich auffallend hoch: Es sterben rund 100 von 10.000 Kindern bei der Geburt oder innerhalb von sieben Tagen danach, in Deutschland sind das nur 47 von 10.000 Neugeborenen.

Eine 2008 publizierte Studie namens Peristat hat ergeben, dass die hohe perinatale Mortalität in den Niederlanden durch die Hausgeburten verursacht sei. Andere Studien führen aber weitere mögliche Gründe an - das im Durchschnitt hohe Alter der niederländischen Mütter etwa, die seltene pränatale Diagnostik, die noch während der Schwangerschaft auf angeborene Krankheiten hinweist, und die zurückhaltende Behandlung von Frühgeborenen.

Einen Kompromiss zwischen Haus- und Klinikgeburt bieten neuerdings hebammengeleitete Kreißsäle, von denen es deutschlandweit derzeit 15 gibt. Hier betreut jede Hebamme nur eine werdende Mutter; sie muss sich also nicht gleichzeitig um mehrere Gebärende kümmern, wie das in Kliniken der Normalfall ist. Ärzte sind nicht anwesend, aber für Notfälle schnell zur Stelle. In einem solchen Hebammenkreißsaal erlebte die Hälfte der Frauen einer Studie Nicola Bauers aus dem Jahr 2011 zufolge eine interventionsfreie Geburt ohne Wehenmittel, Saugglocke oder Dammschnitt, während es im ärztlich geleiteten Kreißsaal nur 23 Prozent waren. "Eine Geburt verläuft meist dann ohne Komplikationen, wenn die Frau sich wohl und sicher fühlt. Und das tut sie, wenn sie Vertrauen hat", meint Bauer. Eine ständig anwesende Hebamme kann dazu offenbar einen guten Beitrag leisten.

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