Süddeutsche Zeitung

Narzissmus:Die Psyche des US-Präsidenten und das Dilemma der Experten

Lesezeit: 5 min

Ferndiagnosen verstoßen gegen die ethischen Standards von Psychiatern und Psychologen. Doch immer mehr Experten sehen sich sogar in der Pflicht, vor dem geistigen Zustand des US-Präsidenten zu warnen.

Von Markus C. Schulte von Drach

Eines lässt sich sicher sagen: Donald Trump verhält sich äußerst auffällig - auffällig anders als andere Politiker, auffällig anders auch als die meisten Menschen. In den USA warnen inzwischen etliche Psychiater und Psychologen davor, dass der US-Präsident unter einer ernst zu nehmenden geistigen Störung oder sogar Krankheit leidet und aus dem Amt entfernt werden sollte.

Eine solche Diagnose aus der Ferne ist äußerst umstritten, weshalb sich viele Experten zurückhaltend äußern - und Trump nur indirekt mit Narzissmus in Verbindung bringen. So werden im Zusammenhang mit Trump etwa die Kriterien der narzisstischen Persönlichkeitsstörung aus dem amerikanischen Psychiatrie-Standardhandbuch, dem DSM-V, aufgeführt. Fünf der folgenden neun Merkmale müssen erfüllt sein, damit eine entsprechende Diagnose möglich ist:

  • Ein grandioses Gefühl eigener Bedeutung
  • Fantasien von grenzenlosem Erfolg und eigener Brillanz, Macht oder Schönheit
  • Glaube an die eigene Außergewöhnlichkeit
  • Einforderung übermäßiger Bewunderung
  • Anspruch auf bevorzugte Behandlung
  • In zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisches Verhalten
  • Mangel an Empathie, fehlende Bereitschaft, Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich damit zu identifizieren
  • Häufig neidisch auf andere, zugleich überzeugt, andere seien neidisch auf ihn oder sie
  • Zeigt sich arrogant und hochmütig

Etliche Fachleute gehen allerdings deutlich weiter. So erklärte etwa der bekannte klinische Psychologe Ben Michaelis aus New York schon 2015 dem Magazin Vanity Fair, Trump sei ein Narzisst "wie aus dem Lehrbuch". Er und weitere Fachleute zeigten sich so beunruhigt von den Aussichten auf eine mögliche Präsidentschaft des Immobilienmoguls, dass sie die sonst übliche Zurückhaltung der Psychologen und Psychiater aufgaben.

Sie blieben nicht lange allein. Auch Philip Zimbardo, ehemals Stanford University und einer der bekanntesten Psychologen weltweit, versucht bereits seit dem Frühjahr 2016 auf Trumps "offensichtliche narzisstische Persönlichkeit" hinzuweisen - zuerst tat er es indirekt, inzwischen wird er deutlich.

Fachleute: Unfähig, das Amt des Präsidenten sicher zu erfüllen

Nachdem Trump sein Amt angetreten und die Welt wiederholt mit seinem Verhalten irritiert hat, haben sich weitere Fachleute an die Öffentlichkeit gewandt. 35 Experten um den Psychologen Lance M. Dodes, ehemals Harvard Medical School, veröffentlichten im Februar einen Brandbrief in der New York Times. Zwar verwendeten sie nicht den Begriff Narzissmus. Aber wie sie Trumps Verhalten beschrieben, kam das dem Steckbrief eines Narzissten gleich. "Wir glauben, dass die schwere emotionale Instabilität, auf die die Reden und Handlungen von Mr. Trump hinweisen, ihn unfähig macht, sein Amt als Präsident sicher zu erfüllen", so der Schluss der Experten.

An der Yale University organisierte die Psychiaterin Bandy X. Lee im April die Konferenz "Duty to Warn", die sich ausschließlich mit dem geistigen Zustand des Präsidenten beschäftigte. Lee hält Trump, der etwa den Einsatz von Nuklearwaffen nicht ausschließt und das Foltern von Gefangenen propagiert hat, für eine Gefahr nicht nur für die US-Gesellschaft sondern für die ganze Welt.

Im Oktober will sie ein Buch herausgeben mit dem Titel "The Dangerous Case of Donald Trump - 27 Psychiatrists and Mental Health Experts Assess a President". Die Liste der Autoren enthält eindrucksvolle Namen, neben Philip Zimbardo etwa Robert Jay Lifton, US-Psychiater und einer der bekanntesten Experten für die Ursachen und Folgen von Gewalt.

Petition zur Entfernung aus dem Amt

In seiner Ferndiagnose geht der US-Psychologe John Gartner, ehemals Professor an der Johns Hopkins University Medical School in Baltimore, noch weiter als seine Kollegen. Ihm zufolge leidet der US-Präsident sogar unter "malignem Narzissmus". Er müsse, so fordert Gartner, sofort aus dem Amt entfernt werden. Seine entsprechende Petition auf change.org haben inzwischen mehr als 59 000 Menschen unterzeichnet. (Ob es in allen Fällen, wie gefordert, Fachleute für geistige Gesundheit sind, müsste noch geprüft werden.)

Der Begriff maligner (bösartiger) Narzissmus stammt von dem Narzissmusexperten Otto Kernberg. Er bezeichnet eine krankhafte Sonderform des Narzissmus, der über eine Störung der Persönlichkeit deutlich hinausgeht: die Kombination einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung mit antisozialem Verhalten, Sadismus sowie einer ausgeprägten paranoiden Haltung.

Doch es gibt auch Widerstand und Kritik an öffentlichen Ferndiagnosen. Sowohl die American Psychological Association (APA) als auch die American Psychiatric Association (ebenfalls APA) - weltweit die größten Vereinigungen in diesen Fächern - haben schon 2016 darauf hingewiesen, dass zu den ethischen Standards, an die sich ihre Mitglieder halten sollten, auch die sogenannte Goldwater-Regel gehört.

Die Regel ist benannt nach dem Senator Barry Goldwater, republikanischer Präsidentschaftskandidat von 1964. Das US-Magazin Fact hatte damals mehr als 12 000 Psychiater gefragt, ob sie Goldwater für das Amt des Präsidenten geeignet hielten. Von den etwa 2400 Fachleuten, die antworteten, verneinten fast 1200 die Frage. Goldwater verlor die Wahl gegen Lyndon B. Johnson. Erfolg hatte er dagegen mit einer Klage gegen das Magazin.

1973 erklärte es die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft für "unethisch für Psychiater, eine professionelle Meinung zu äußern, bevor er oder sie eine Untersuchung vorgenommen und die Erlaubnis der Betroffenen erhalten hat, sich darüber zu äußern". Die Goldwater-Regel gilt auch außerhalb der APA als wichtiger ethischer Standard in der Psychologie und Psychiatrie.

Die letztjährige APA-Präsidentin Maria A. Oquendo verteidigte das Festhalten an der Regel 2016 in einem Brief: "Die einzigartige Atmosphäre der diesjährigen Wahl kann manche dazu verführen, die Psyche der Kandidaten zu analysieren, aber das wäre nicht nur unethisch, sondern unverantwortlich." Patienten, die das sehen, könnten das Vertrauen in ihre Ärzte verlieren.

Wie die frühere APA-Präsidentin sorgt sich auch Allen Frances, dass Patienten, die tatsächlich unter einer Störung oder Krankheit leiden, durch die Trump-Ferndiagnosen stigmatisiert werden könnten. Dann allerdings stellt der emeritierte Professor der Duke University in der New York Times selbst eine solche Diagnose: "Ich habe die Kriterien, die diese Störung definieren, geschrieben", schrieb Frances. "Mr. Trump erfüllt sie nicht." Trump könnte ein Weltklasse-Narzisst sein, so Frances weiter, aber das mache ihn noch nicht geisteskrank, denn er leide nicht darunter und sei auch nicht eingeschränkt. Erst wenn das der Fall wäre, könnte eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert werden.

Lance Dodes sieht das anders. "Es geht um ein fortgesetztes Verhalten, das das ganze Land sehen kann, und das auf spezifische Einschränkungen oder Probleme in seiner (Trumps; Anm. d. Red.) Psyche hinweist", sagte er dem Magazin Rolling Stone. Es wäre nicht vernünftig, wenn diejenigen mit der größten Expertise auf dem Gebiet der Psychologie dazu nichts sagen sollten.

"Frei, sich als Individuen über politische Personen zu äußern"

Etwas Rückhalt haben die Fachleute, die Trump aus der Ferne beurteilen, nun durch eine der kleineren Fachgesellschaften der Branche erhalten. Die Führung der American Psychoanalytic Association (APsaA) hat Anfang Juli ihren mehr als 3500 Mitgliedern in einer E-Mail mitgeteilt, es stehe ihnen "frei, sich als Individuen über politische Personen zu äußern". Die Goldwater-Regel gelte nur für die APA-Mitglieder.

Damit, so erklärte die Organisation, sollten die Mitglieder nicht etwa ermutigt werden, die Goldwater-Regel zu brechen. Aber zu Äußerungen über Personen in der Öffentlichkeit hat die APsaA klare eigene Regeln. Die sind der Goldwater-Regel durchaus ähnlich. Unangemessen ist es demnach, eine Diagnose auf diese Art verschleiert anzubieten: Personen, die sich verhalten wie dieser oder jener Senator haben im Allgemeinen eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Auch sollte keine definitive Aussage über eine Diagnose getätigt werden.

In Ordnung wäre es dagegen, verschiedene mögliche Erklärungen anzubieten, mit dem klaren Hinweis, dass man nicht wisse, was davon stimmt.

Ähnlich beantwortete der bekannte Professor for Clinical Psychiatry am Weill Cornell Medical Center, Richard Friedman, in der New York Times die Frage: "Ist es Zeit, Trump als geisteskrank zu bezeichnen?" Für einen Psychiater, so Friedman, sei es unethisch, zu sagen, Präsident Trump habe eine narzisstische Persönlichkeitsstörung; über die Merkmale dieser Störung zu sprechen und wie sie Trumps Verhalten erklären könnten, sei jedoch in Ordnung. Das sei keine Haarspalterei, weil die Diagnose aus der Ferne einfach nicht möglich sei, die Öffentlichkeit aber dann selbst ihre Schlüsse ziehen könnte.

Für Fachleute wie John Gartner, Lance Dodes, Bandy X. Lee oder Philip Zimbardo spielen solche ethischen Vorgaben - die sie sonst durchaus wichtig finden - keine Rolle mehr, wenn es um Fälle wie Donald Trump im Weißen Haus geht. "Die Pflicht zu warnen", so Zimbardo, "wiegt schwerer als die Goldwater-Regel."

Otto Kernberg, der 1984 als Erster den Typ des "malignen Narzissten" beschrieben hat, wollte der Süddeutschen Zeitung zu Trump dagegen nichts sagen. Sein Berufsethos verbiete ihm, über Personen, die er nicht selbst untersucht habe, Diagnosen zu stellen, sagte er der SZ. Und habe er sie untersucht, dann dürfe er sich selbstverständlich nicht äußern.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3615637
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.