Mythos und Wahrheit zum Schlaf Lernen im Schlaf?

Der Traum, im Schlaf zu lernen, dürfte sich so bald aber nicht erfüllen: "Es bringt nichts, wenn man im Schlaf mit Informationen berieselt wird", so Jan Born, Schlafforscher an der Uni Tübingen. Aber an dem Brauch, sich ein Buch unter das Kopfkissen zu legen, ist doch etwas dran. Immerhin wird während der Nachtruhe Gedächtnis gebildet. "Man muss sich das als aktives Durcharbeiten und Verdauen der Inhalte vorstellen, die man am Tag aufgenommen hat", so Born.

Born und sein früheres Team in Lübeck haben in eleganten Versuchen festgestellt, dass sich tiefere Einsichten oft erst einstellen, wenn man geschlafen hat. Die Forscher ließen Freiwillige Zahlenreihen ergänzen, die bestimmten Regeln folgten. Zwei der Regeln waren leicht zu erkennen, die dritte "versteckt". Nach dem ersten Test pausierten alle Probanden. Eine Gruppe durfte über Nacht schlafen, die zweite musste nachts wach bleiben, eine dritte blieb tagsüber wach. Fast 60 Prozent derjenigen, die schliefen, erkannten die versteckte Regel am nächsten Tag. In den anderen Gruppen gelang das nur 20 Prozent der Probanden.

Im Schlaf werden Erinnerungen aus dem Zwischenspeicher ins Langzeitgedächtnis geholt

"Durch den Schlaf gewinnen wir eine neue Sicht auf Probleme. Das führt zu schnelleren Lösungen", sagt Born. Im Wachzustand, so die Vermutung, werden Gedächtnisinhalte zunächst im Hippocampus abgelegt, einer Art Zwischenspeicher im Mittelhirn. Erst im Schlaf werden sie an bereits bestehende Gedächtnisinhalte in der Großhirnrinde angepasst. "Der Hippocampus hält die Kopie bereit, die im Langzeitgedächtnis verankert wird", so Born.

Diese Form der Übertragung findet hauptsächlich im Tiefschlaf statt. Wird der Schlaf verkürzt, leidet das Gedächtnis. "Schlafmangel macht müde und dumm", sagt Jürgen Zulley deswegen. In Versuchen lässt sich das beeindruckend zeigen: Wird der Schlaf Erwachsener und Jugendlicher von vier auf acht Stunden gesteigert, verbessert sich das Gedächtnis der Probanden. Praktisch bedeutet das: Wenn man am Tag vor einer Prüfung lange lernt, so Borns Rat, "ist es wichtig, genügend zu schlafen, um am nächsten Tag keine Abrufschwierigkeiten zu bekommen".

Zu wenig Schlaf führt aber nicht nur zu Gedächtnislücken, sondern auch zu Einschränkungen des Stoffwechsels: Die Zuckerverwertung wird beeinträchtigt. Wer chronisch zu wenig schläft, entwickelt häufiger Diabetes, Übergewicht, Hochdruck und Herzleiden. "Auch wenn kurzfristig die psychische Belastung durch Schlafentzug überwiegt, sind langfristig die körperlichen Folgen gravierender", so Zulley. Wo die kritische Grenze zum Schlafmangel liegt, können Forscher jedoch noch nicht sagen. Versuchsratten sterben an komplettem Schlafmangel jedenfalls genauso schnell wie bei Nahrungsentzug.

Gähnen

Verräterische Geste

Schlafforscher warnen davor, den Schlaf drastisch zu verkürzen - womit nicht nur Napoleon und Edison kokettierten. Kurzschläfer gelten schließlich als effizient und leistungsbereit. Die ehemalige Talk-Lady Sabine Christiansen wollte sich wohl auch dieses Image geben. Sie hatte in einer ihrer Sendungen mit dem Bekenntnis verblüfft: "Die Deutschen schlafen zu lange. Eine Kuh beispielsweise kommt mit drei bis vier Stunden Schlaf am Tag aus. Ich auch."