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"Multiple Schicksale":"Ist das noch Leben?"

Filmszene aus "Multiple Schicksale"

Jann Kesslers Mutter mit ihrer eigenen Mutter. Sprechen kann sie längst nicht mehr.

(Foto: o.H)

Ein 18-Jähriger hat einen Kinofilm über seine schwerkranke Mutter und andere Patienten mit Multipler Sklerose gedreht. Er erspart seinen Zuschauern wenig - und die mögen ihn dafür.

Dass Leiden in diesem Film nicht verklärt wird, macht bereits die Anfangsszene klar. Da liegt eine Frau im Bett, die Hände verkrampft, der Kopf eigentümlich verdreht, der Mund entblößt Zahnlücken. Aus dem Augenwinkel rinnt eine Träne, doch niemand weiß, ob dies mehr als ein physiologischer Vorgang ist. Das Leben dieser Frau ist auf die zwei Quadratmeter eines Pflegeheim-Bettes geschrumpft. Es ist ein Leben mit Multipler Sklerose. Wer mit ihr vertraut ist, nennt die Krankheit MS.

Der Schweizer Regisseur Jann Kessler kennt die Nervenkrankheit seit seinem fünften Lebensjahr. Die Frau, die stumm auf der Matratze liegt, ist seine Mutter. Als Kessler die Kamera auf sie richtet, ist er gerade 18 Jahre alt.

Die Krankheit der Mutter begann mit einem Kribbeln in den Händen, bald kamen Angstzustände hinzu, denn die damals noch junge Frau merkte, dass mit ihr etwas ganz gehörig nicht stimmte. Dann kam der Tag als sie den Gratin im Ofen vergaß. Sie beschränkte den Speiseplan auf sieben Gerichte pro Woche - immer in der gleichen Abfolge. Doch bald fiel ihr auch deren Zubereitung zu schwer. Schließlich kamen die Lähmungen und das Leben als Pflegefall. Eine Zeit lang wollte der Sohn die Mutter am liebsten gar nicht mehr sehen. Dann begab er sich auf die Suche nach anderen betroffenen Familien, um sie zu fragen, wie sie mit der Krankheit umgehen. Er filmte sechs weitere Patienten, die jüngste erst Anfang 20. Mal jäh, mal schleichend hat die MS jedem von ihnen etwas genommen: Hobbys, Arbeit, Träume, Zukunft.

Multiple Sklerose entsteht durch Entzündungen im zentralen Nervensystem. Sie können zu Seh- und Gleichgewichtsstörungen führen, zu Lähmungen, Schmerzen, Blasenstörungen, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. Die Krankheit verläuft in Schüben, der Zustand kann sich zwischendurch immer wieder bessern. Ihre Symptome können gemildert werden, doch eine Heilung gibt es bis heute nicht.

Wie man mit dieser Perspektive lebt, dokumentiert der Film "Multiple Schicksale" auf berührende Weise. Die Protagonisten zeigen ihr Hadern und ihren Stolz, ihre Sorgen und oft auch Lebensmut. Luana sitzt im Rollstuhl, ihr Gesicht ist rund vom Cortison: "Miss Schweiz bin ich nicht", sagt die 21-Jährige und fragt, wer schon mit einer wie ihr zusammen sein wolle. Und doch schmiedet sie zaghaft neue Zukunftspläne. Vielleicht ein Trainerdiplom, weil ihr Sport so viel bedeutet? Doch zunächst ein Tattoo mit aufmunternden Botschaften.

Nur Kesslers Mutter hat immer über ihr Leiden geschwiegen. Sie hat auch nicht gesagt, was einmal passieren soll, wenn sich ihr Zustand verschlechtert. Mittlerweile ist er so schlecht, wie er nur sein kann. Selbst wenn sie wollte, könnte sie nicht mehr über ihr Befinden sprechen. Ihr Sohn fragt sich, ob dieses stumme Liegen noch Leben ist. Und wie ein Außenstehender diese Frage beantworten kann.

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Krankheit als Chance?

Man kann den Film daher auch als ein Plädoyer für das Reden verstehen. Auch wenn es zu Entscheidungen führt, die schwer auszuhalten sind. Rainer, seit sieben Jahren erkrankt, lässt im Laufe des Films eine Sterbehilfeorganisation kommen. Während die Kamera läuft, trinkt er das Gift in einem langen Zug aus. "Ein Scheiß-Geschmack", lauten seine letzten Worte, ein mattes Lächeln, dann schließt er die Augen.

Multiple-Sklerose-Gesellschaften aus der Schweiz und Deutschland empfehlen den Film. Sie sehen ihn als Beitrag zur Aufklärung über die chronische Erkrankung und werfen die Frage auf, ob die Dokumentation nicht helfen könnte, die Krankheit als Chance zu begreifen? Beides gelingt nur bedingt. Denn obwohl viele Kranke jahrelang nahezu beschwerdefrei leben können, zeigt der Film überwiegend schwere Verläufe. Umfassende medizinische Aufklärung sollte von dieser Dokumentation niemand erwarten. Es geht viel eher um eine Auseinandersetzung mit dem Kranksein, um Fragen, die auch für Patienten anderer chronischer Leiden eine Bedeutung haben dürften.

So existenziell diese Auseinandersetzung bisweilen ist, so offen und unaufgeregt bildet sie der junge Regisseur ab. In der Schweiz wurde der Film damit zum beachtlichen Kinoerfolg. Dabei hatte Jann Kessler ihn ursprünglich nur als Abitur-Projekt gedreht. Doch zur Premiere reichten die Plätze im örtlichen Kinosaal nicht. Das Interesse an seinem Blick auf die Erkrankung war so groß, dass die Dokumentation schließlich in einer ganzen Reihe Schweizer Kinos gezeigt wurde. Ab Donnerstag ist sie auch in mehr als 20 deutschen Städten zu sehen.

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