Süddeutsche Zeitung

Mittelmeer-Diät:Gib dem Affen Oliven

Eine Ernährungsstudie will die Überlegenheit der mediterranen Diät beweisen. Dumm nur, dass die Forscher Olivenöl und Walnüsse nicht Menschen anboten - sondern Affen.

Saftige Steaks, ölige Pommes, Sahnesaucen oder fette Torten - und dazu eine eiskalte Limo. Alles, was lecker ist, gilt unter Besserverstehern als verdammenswerte Sünde. In Ernährungsfragen versteht die aufgeklärte Menschheit in den Industrienationen längst keinen Spaß mehr. Lust und Appetit spielen unter Nahrungs-Puristen kaum eine Rolle. Entscheidend ist, was gesund ist - oder vielmehr: sein soll.

Unter ernsthaften Wissenschaftlern gilt die Ernährungsforschung zwar als gehobene Variante des Kristallkugellesens. Zu vielfältig sind die Einflüsse, die neben den Nahrungsmitteln noch darüber entscheiden, ob jemand gesund bleibt oder nicht. Trotzdem behaupten Forscher unentwegt, welche Lebensmittel angeblich gut und welche unbedingt zu meiden sind. Daraus werden dann unseriöse Empfehlungen abgeleitet, wonach Brokkoli oder Himbeeren vor Krebs schützen, rotes Fleisch des Teufels ist. Gesättigte Fettsäuren gelten längst als Nordkorea unter den Nahrungsbestandteilen. Dafür werden jährlich neue Superfrüchte ausgerufen, die das ewige Leben noch ein bisschen wahrscheinlicher machen sollen.

Wie gut, dass es jetzt endlich eine wissenschaftliche Untersuchung gibt, die hohen methodischen Standards genügen will. Das Problem der Ernährungsforschung besteht ja darin, dass sie sich zumeist auf die Angaben der Teilnehmer in Fragebögen verlassen muss. Wer weiß schon, ob der Proband, der täglich artig sein kalt gepresstes Olivenöl schluckt oder Keimlinge knabbert, nicht doch heimlich Schokomousse löffelt oder Fertigpizza isst.

Tierexperimente lassen sich meist nicht ohne weiteres auf Menschen übertragen

Diese kleinen Betrügereien waren in der aktuellen Studie schlicht nicht möglich, die von Forschern der Wake Forest School of Medicine im Fachmagazin Obesity veröffentlicht wurde. Die Probanden mussten sich strikt an eine von zwei Ernährungsformen halten: Entweder bekamen sie die typische "westliche Diät" mit tierischen Fetten und gesüßten Speisen - oder "mediterrane Diät", zu der hauptsächlich pflanzliche Produkte wie Olivenöl oder Walnüsse gehören.

Da die Teilnehmer rund um die Uhr beaufsichtigt wurden, konnten sie nicht schummeln und auch nichts in Fragebögen beschönigen. Und siehe da: Unter pflanzlicher Diät nahmen die Probanden nur so viel zu sich, wie ihr Energiebedarf erforderte und blieben schlank. Die Gruppe mit der westlichen Diät hingegen aß mehr, als sie brauchte, bekam Übergewicht und entwickelte eine Neigung zu Diabetes und Fettleber.

Ein paar Schönheitsfehler hat die bahnbrechende Untersuchung allerdings: Die Teilnehmer waren allesamt Affenweibchen, die unter Laborbedingungen gehalten wurden. Nicht nur Mäuseversuche führen oft in die Irre ("mice tell lies"); Tierexperimente allgemein lassen sich in den meisten Fällen nicht auf Menschen übertragen. Zudem nahmen lediglich 38 Affen an dem Versuch teil - 19 bekamen die westliche Diät, 19 Mittelmeerkost. Das sind Zahlen, die statistisch so wenig Aussagekraft haben, dass sie - zumindest bei einem so häufigen Phänomen wie Übergewicht - nicht mal für eine medizinische Doktorarbeit reichen dürften.

Allerdings war den Forschern wohl schon vorher klar, was sie mit ihrer Studie beweisen wollten: "Die westliche Diät wurde von der Industrie entwickelt, die ihre Erzeugnisse besonders schmackhaft macht, sodass wir zu viel davon essen", lässt sich Carol Shively zitieren, die Hauptautorin der Studie. "Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse die Menschen ermutigen, sich gesünder zu ernähren."

Es ist schon richtig, der Lebensmittelindustrie ist jede Gaunerei zuzutrauen. Aber gute Wissenschaft baut darauf, ergebnisoffen Fragestellungen zu untersuchen - und dazu Statistik zu verwenden, die man ernstnehmen kann. Da hilft es auch nicht, die Studiendauer aufzublähen. Die 38 Monate Beobachtungszeit, so erklären es die Forscher, fühlen sich für Affen nämlich an wie neun Jahre für Menschen.

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