Medizin:Die Notaufnahmen sind Symbol für die rasende medizinische Entwicklung

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Fragt man Chefarzt Dodt, dem man hinterher joggen muss, wenn er von einem Behandlungsraum in den nächsten eilt, wie die Notaufnahmen so in Not geraten sind, dann sagt Dodt, dass die Notaufnahmen auch zum Symbol für eine rasende Entwicklung der Medizin geworden sind. Sie führt dazu, dass Menschen in der Annahme leben, dass sie dort, an jenem Ort voller Hightech, wirklich alles an Behandlung bekommen, was möglich ist. Und wenn es heutzutage möglich ist, mit einem Kernspin kleinste Risse im Gewebe zu erkennen, dann sollte man das ja wohl, bitte schön, auch machen.

Und wenn die Ärzte ihre Patienten fragen, wie schlimm denn die Schmerzen sind, dann sagen sie: Stufe acht von zehn. Zehn wäre der schlimmste, nicht auszuhaltende Schmerz, den man sich vorstellen kann. Und wenn man fragt, wie lange der Schmerz schon da ist, dann antworten viele: na ja, seit ein paar Wochen.

Das kann natürlich sein, der Verdacht aber liegt nahe, dass Patienten ihren Fall ein klein wenig dringlicher machen als er tatsächlich ist. Wäre doch gelacht, wenn ich hier Stunden rumwarten muss.

Vor wenigen Wochen hat Christoph Dodt elf Thesen publiziert, die erklären sollen, wie man diesen Schlamassel in den Griff bekommen könnte, der sich an manchen Tagen auch in seiner Klinik abspielt. Ein wichtiger, erster Schritt, wäre es, so Dodt, die Dinge ein bisschen zu entwirren.

Dodts Vorschlag: Ein Notfallzentrum, wo alle Disziplinen vereint sind

Er fordert das INZ, ein Intersektorales Notfallzentrum, quasi eine All-in-one-Lösung, wie sie auch im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen diskutiert wird. Gegen mangelnden Respekt mancher Patienten kann das INZ nichts tun, vielleicht aber jenen Menschen helfen, die in ihrer Vorstellung von Not etwas durcheinandergekommen sind. Im INZ sollen sie, ob nun dringend oder nicht, zügig behandelt werden, bevor sie rasend im Notaufnahmenstau stehen. Denn lange Wartezeiten, auch das weiß man mittlerweile, verstärken die Angst, verstärken die Schmerzen, besonders dann, wenn Menschen allein warten und nicht wissen, was mit ihnen passiert.

Das INZ also wäre, so stellt sich Dodt das vor, ein Notfallzentrum, in dem alle Disziplinen unter einem Dach vereint wären - vom niedergelassenen Hausarzt bis zum Neurochirurgen. Ein Zentrum, in dem besonders für diese Aufgabe extra geschultes Pflegepersonal ruck, zuck entscheidet, dass der Patient mit Schnupfen in die Allgemeinarztpraxis geht, das wäre dann den Gang runter links. Der Patient mit einer Blutung im Bauchraum sollte besser gleich in den OP, der wäre dann die zweite Tür rechts. Es gibt eine zentrale Anlaufstelle für Patienten - egal für welches Problem. So verstopft niemand mehr die Gänge mit unnötigen Wehwehchen.

Am Mittag meldet sich Anita Mahler am Empfang, die eigentlich anders heißt. Sie klagt über Schwindel, Schmerzen vom Nacken bis hoch an die Schläfen. Ihre Schilderung reicht für Stufe acht auf der Schmerzskala, wie gesagt: mehr als zehn geht nicht. Frau Mahlers Not beginnt schon zu Anfang der Woche mit Nackenschmerzen, sie schluckt Ibuprofen, 600 Milligramm, es hilft nichts. Dann macht sie Yoga, in ihrer Verzweiflung auch einen Kopfstand. Als sie die Welt wieder aufrecht sieht, wird ihr vor Schmerzen schwindelig. Als sie diese Geschichte erzählt, verdrehen die Pflegerinnen die Augen. Man könnte meinen, ein typischer Fall für den Hausarzt, vielleicht für den Orthopäden, aber doch bitte nicht für die Notaufnahme.

Lange Wartezeiten verstärken die Angst und die Schmerzen, besonders dann, wenn Menschen allein sind

Als Christoph Dodt die Frau untersucht, Finger auf die Nasenspitze, Kopf ruckartig nach rechts, nach links, zeigt sich: die Augen kommen nicht nach. Frau Mahler, das ist plötzlich die Verdachtsdiagnose, könnte sich bei ihren Yoga-Übungen eine Arterie verletzt haben. Dies wäre im schlimmsten Fall lebensbedrohlich. Eine Computertomografie soll das nun schleunigst ausschließen.

Not empfindet jeder Mensch anderes, heißt es in der Medizin, ja, Not definieren nicht zuerst die Ärzte, sondern die Patienten. Und die brauchen Hilfe, auch diejenigen, die in ihrer Not einen Kopfstand machen, sei es beim Yoga, sei es bei der Patientenanmeldung. Und die Notfallmedizin in Deutschland würde noch viel mehr in Not geraten, wenn sich Menschen wie Anita Mahler, die als Lappalie gekommen und als Patientin geblieben ist, eines Tages nicht auf den Weg ins Krankenhaus machen würden. Aus Sorge, sie könnten in der Notaufnahme falsch sein. Abgewiesen, weil: kein Notfall.

Am Ende eines gewöhnlichen Wahnsinnstags wurden in deutschen Notaufnahmen schätzungsweise 50 000 Patienten behandelt, manche von ihren waren schwer verletzt, manche waren es streng genommen nicht. Und so sehr deutsche Notaufnahmen selbst zum Patienten geworden sind, es gibt nicht so arg viele Länder auf dieser Erde, in denen es arg viel besser läuft, wenn auch viele europäische Nachbarn längst die Notfallmedizin als eigenes medizinisches Fach etabliert haben; auch in Deutschland wird das diskutiert.

Und doch: Stufe acht von zehn ist noch nicht erreicht, und das sei leider nicht jedem Patienten klar, sagt Christoph Dodt. Vor allem jenen nicht, die wegen ein paar Stunden Langeweile im Wartebereich ihren Anwalt anrufen wollen. Dodt hat vor Kurzem auf einem Seminar die Abkürzung kennengelernt, die er seitdem als Motto mit einem breiten Grinsen vor sich herträgt, wenn man ihn fragt, ob er sich von diesem Unwissen runterziehen lässt. Er antwortet dann: "M-M-M-M - Menschen muss man mögen."

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