Medizin:Die Not der Notaufnahmen

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Medizin: Die ukrainischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der städtischen Krankenhäuser helfen vor allem beim Übersetzen für die Kriegsflüchtlinge - hier die Notaufnahme im Klinikum Bogenhausen.

Die ukrainischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der städtischen Krankenhäuser helfen vor allem beim Übersetzen für die Kriegsflüchtlinge - hier die Notaufnahme im Klinikum Bogenhausen.

(Foto: Robert Haas)

Kopfschmerzen, Halsweh, Übelkeit: Patienten verstopfen mit harmlosen Wehwehchen die Notaufnahmen. Geht es nicht schnell genug, drohen manche mit dem Anwalt - oder werden gewalttätig.

Von Felix Hütten

Fragt man Christian Haag, Unfallchirurg, Hubschraubernotarzt am Klinikum Bayreuth, wie genau das ist, nachts, in einer Notaufnahme, dann erzählt Haag schon mal von Patienten, die ihn anbrüllen: Was für ein Scheißladen das hier sei?! Scheißladen, klar, weil die Patienten nun mal warten müssen, mitunter auch viele Stunden. Manche sind so sauer, dass sie ihre Erkrankung zur Waffe machen, ein Patient mit Hepatitis B-Infektion beispielsweise zog mal seine Kanülen aus dem Arm und ging blutspritzend auf die Pflegekräfte los. Ein anderer Patient, der besonders laut war, kam mit der Verdachtsdiagnose gebrochener kleiner Zeh. Der Mann schrie, er werde Haag verklagen wegen unterlassener Hilfeleistung. Der Oberarzt trägt während vieler dieser Brüll-Momente übrigens gar keinen weißen Kittel, sondern eine rote Jacke, er kommt dann meist irgendwo von draußen, vom weiten Land, wo sie einen Motorradfahrer, der in einen Baum gekracht war, in den Hubschrauber geschoben haben. Diese Menschen leben zwar noch, sind mitunter aber mehr tot als lebendig.

Unterlassene Hilfeleistung also. Weil der Mann mit dem gebrochenen Zeh warten muss, während ein anderer um sein Leben kämpft?

Es rumpelt gewaltig in Deutschlands Notaufnahmen, die Belastung der Mediziner steigt, die Zahl der Patienten ohnehin, die Stimmung ist angespannt. Wer nachts oder am Wochenende Hilfe sucht, ruft nicht mehr den Hausarzt an, wie das früher einmal war. In einer aktuellen Umfrage, vorgestellt von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, gab eine Mehrheit der Befragten an, das Angebot der Notfallpraxen überhaupt nicht zu kennen. Die Telefonnummer 116 117? Weitestgehend unbekannt.

Und überhaupt, es ist ja kompliziert: Notarzt oder ärztlicher Notdienst? Notaufnahme oder Bereitschaftsdienst der kassenärztlichen Vereinigungen? Ärztlicher Notdienst, Zentrale Notaufnahme, wer, bitte schön, blickt da noch durch? Wer Hilfe braucht, und das gibt knapp die Hälfte der Befragten zu Protokoll, geht ins Krankenhaus. Ein weiteres Viertel ruft den Rettungsdienst, der die Menschen dann wiederum in die, genau, Notaufnahme bringt. Und dort ist dann erst mal Stau. Und Stau macht rasend.

90 Prozent der befragten Ärzte und Pfleger geben an, selbst schon einmal Ziel eines Angriffs in einer Notaufnahme gewesen zu sein

Aber Menschen wollen heute nun mal eine 24-Stunden-Rundumversorgung, sagt Christoph Dodt, Chef der Münchner Notfallklinik in Bogenhausen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin. Egal ob harmloser Zecken- oder lebensgefährlicher Hundebiss. Egal ob zwei Uhr mittags oder nachts. Die Menschen wollen keine Überweisungsscheine zum Orthopäden, der wiederum erst Wochen später Zeit findet, sich die Schulterschmerzen anzuschauen. Oder auch: Niemand verstehe mehr, warum er drei Wochen auf einen Befund warten soll, wenn er ihn in drei Stunden bekommen kann. Am liebsten nach Feierabend, sagt Dodt.

Und wenn sich die Beschwerden dann auch nicht in drei Stunden klären lassen, wird so mancher Patient derart deutlich, dass ein Arzt wie Christian Haag in Bayreuth auch mal deutlich sagt, was er davon hält. Der Oberarzt hat ein ruhiges, fränkisches Gemüt und kann ohne zu Murren auch mal 24 Stunden wach sein, wenn es denn sein muss; und das muss in der Notfallmedizin oft sein. Fragt man Haag aber, was denn los ist in Deutschlands Notaufnahmen, klingt seine Antwort weniger fränkisch-ruhig. Er redet dann von Respektlosigkeit, Distanzlosigkeit, von den aufgeblasenen Egos unter den Patienten, jeder denke nur noch an sich.

Welche Ausmaße das angenommen hat, zeigt eine weitere Erhebung, erschienen im Deutschen Ärzteblatt. 90 Prozent der befragten Ärzte und Pfleger geben an, selbst schon einmal Ziel eines Angriffs in einer Notaufnahme gewesen zu sein. Im Anhang der Studie haben die Wissenschaftler Originalzitate aufgelistet: "Bedrohung mit einer Pistole im Untersuchungszimmer."

Unter dem Tresen der Ambulanz: ein Notfallknopf, um Alarm zu schlagen

Das mögen Extrembeispiele sein, der Ärger kriecht in die Ambulanzen dieses Landes doch meist weniger heftig hinein als mit einer Pistole. Und doch, auch am Klinikum Bogenhausen zum Beispiel, einem der größten Notfallzentren der Stadt München, sind die Pflegerinnen in den vergangenen Monaten arg mit diesem Problem in Kontakt gekommen, wenn auch bisher ohne Pistole. Unter dem Tresen haben sie jetzt dennoch einen Notfallknopf angeschraubt, um Alarm zu schlagen, wenn ein Patient mal wieder zuzuschlagen droht. Die Krankenhausleitung hat zudem eine Glasfront am Empfangstresen errichten lassen, die hilft zwar nicht gegen strengen Atem, gegen Übergriffe aber allemal.

Und manchmal, erzählen die Pflegerinnen, kommen sie dann sogar hinter der Glasscheibe hervor und nehmen einen Patienten an die Hand; einen von diesen, die wegen eines gebrochenen Zehs rumbrüllen. Sie führen diese Rambazambas durch die weiten Flure, öffnen die Alutür zum Schockraum, in dem Unfallchirurgen, Internisten, Anästhesisten und Pflegerinnen um das Leben eines Schwerverletzten kämpfen. Bitte schön, sagen sie dann, deshalb dauert es heute etwas länger. Die Menschen schleichen dann in der Regel mit gesenktem Kopf zurück ins Wartezimmer. Und klar, niemand hockt gern stundenlang rum, sagen viele Pflegekräfte. Nur: Ist die Notaufnahme mittlerweile eine Allgemeinarztpraxis inklusive Hubschrauberplattform, oder wie?

Die Notaufnahmen sind Symbol für die rasende medizinische Entwicklung

Fragt man Chefarzt Dodt, dem man hinterher joggen muss, wenn er von einem Behandlungsraum in den nächsten eilt, wie die Notaufnahmen so in Not geraten sind, dann sagt Dodt, dass die Notaufnahmen auch zum Symbol für eine rasende Entwicklung der Medizin geworden sind. Sie führt dazu, dass Menschen in der Annahme leben, dass sie dort, an jenem Ort voller Hightech, wirklich alles an Behandlung bekommen, was möglich ist. Und wenn es heutzutage möglich ist, mit einem Kernspin kleinste Risse im Gewebe zu erkennen, dann sollte man das ja wohl, bitte schön, auch machen.

Und wenn die Ärzte ihre Patienten fragen, wie schlimm denn die Schmerzen sind, dann sagen sie: Stufe acht von zehn. Zehn wäre der schlimmste, nicht auszuhaltende Schmerz, den man sich vorstellen kann. Und wenn man fragt, wie lange der Schmerz schon da ist, dann antworten viele: na ja, seit ein paar Wochen.

Das kann natürlich sein, der Verdacht aber liegt nahe, dass Patienten ihren Fall ein klein wenig dringlicher machen als er tatsächlich ist. Wäre doch gelacht, wenn ich hier Stunden rumwarten muss.

Vor wenigen Wochen hat Christoph Dodt elf Thesen publiziert, die erklären sollen, wie man diesen Schlamassel in den Griff bekommen könnte, der sich an manchen Tagen auch in seiner Klinik abspielt. Ein wichtiger, erster Schritt, wäre es, so Dodt, die Dinge ein bisschen zu entwirren.

Dodts Vorschlag: Ein Notfallzentrum, wo alle Disziplinen vereint sind

Er fordert das INZ, ein Intersektorales Notfallzentrum, quasi eine All-in-one-Lösung, wie sie auch im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen diskutiert wird. Gegen mangelnden Respekt mancher Patienten kann das INZ nichts tun, vielleicht aber jenen Menschen helfen, die in ihrer Vorstellung von Not etwas durcheinandergekommen sind. Im INZ sollen sie, ob nun dringend oder nicht, zügig behandelt werden, bevor sie rasend im Notaufnahmenstau stehen. Denn lange Wartezeiten, auch das weiß man mittlerweile, verstärken die Angst, verstärken die Schmerzen, besonders dann, wenn Menschen allein warten und nicht wissen, was mit ihnen passiert.

Das INZ also wäre, so stellt sich Dodt das vor, ein Notfallzentrum, in dem alle Disziplinen unter einem Dach vereint wären - vom niedergelassenen Hausarzt bis zum Neurochirurgen. Ein Zentrum, in dem besonders für diese Aufgabe extra geschultes Pflegepersonal ruck, zuck entscheidet, dass der Patient mit Schnupfen in die Allgemeinarztpraxis geht, das wäre dann den Gang runter links. Der Patient mit einer Blutung im Bauchraum sollte besser gleich in den OP, der wäre dann die zweite Tür rechts. Es gibt eine zentrale Anlaufstelle für Patienten - egal für welches Problem. So verstopft niemand mehr die Gänge mit unnötigen Wehwehchen.

Am Mittag meldet sich Anita Mahler am Empfang, die eigentlich anders heißt. Sie klagt über Schwindel, Schmerzen vom Nacken bis hoch an die Schläfen. Ihre Schilderung reicht für Stufe acht auf der Schmerzskala, wie gesagt: mehr als zehn geht nicht. Frau Mahlers Not beginnt schon zu Anfang der Woche mit Nackenschmerzen, sie schluckt Ibuprofen, 600 Milligramm, es hilft nichts. Dann macht sie Yoga, in ihrer Verzweiflung auch einen Kopfstand. Als sie die Welt wieder aufrecht sieht, wird ihr vor Schmerzen schwindelig. Als sie diese Geschichte erzählt, verdrehen die Pflegerinnen die Augen. Man könnte meinen, ein typischer Fall für den Hausarzt, vielleicht für den Orthopäden, aber doch bitte nicht für die Notaufnahme.

Lange Wartezeiten verstärken die Angst und die Schmerzen, besonders dann, wenn Menschen allein sind

Als Christoph Dodt die Frau untersucht, Finger auf die Nasenspitze, Kopf ruckartig nach rechts, nach links, zeigt sich: die Augen kommen nicht nach. Frau Mahler, das ist plötzlich die Verdachtsdiagnose, könnte sich bei ihren Yoga-Übungen eine Arterie verletzt haben. Dies wäre im schlimmsten Fall lebensbedrohlich. Eine Computertomografie soll das nun schleunigst ausschließen.

Not empfindet jeder Mensch anderes, heißt es in der Medizin, ja, Not definieren nicht zuerst die Ärzte, sondern die Patienten. Und die brauchen Hilfe, auch diejenigen, die in ihrer Not einen Kopfstand machen, sei es beim Yoga, sei es bei der Patientenanmeldung. Und die Notfallmedizin in Deutschland würde noch viel mehr in Not geraten, wenn sich Menschen wie Anita Mahler, die als Lappalie gekommen und als Patientin geblieben ist, eines Tages nicht auf den Weg ins Krankenhaus machen würden. Aus Sorge, sie könnten in der Notaufnahme falsch sein. Abgewiesen, weil: kein Notfall.

Am Ende eines gewöhnlichen Wahnsinnstags wurden in deutschen Notaufnahmen schätzungsweise 50 000 Patienten behandelt, manche von ihren waren schwer verletzt, manche waren es streng genommen nicht. Und so sehr deutsche Notaufnahmen selbst zum Patienten geworden sind, es gibt nicht so arg viele Länder auf dieser Erde, in denen es arg viel besser läuft, wenn auch viele europäische Nachbarn längst die Notfallmedizin als eigenes medizinisches Fach etabliert haben; auch in Deutschland wird das diskutiert.

Und doch: Stufe acht von zehn ist noch nicht erreicht, und das sei leider nicht jedem Patienten klar, sagt Christoph Dodt. Vor allem jenen nicht, die wegen ein paar Stunden Langeweile im Wartebereich ihren Anwalt anrufen wollen. Dodt hat vor Kurzem auf einem Seminar die Abkürzung kennengelernt, die er seitdem als Motto mit einem breiten Grinsen vor sich herträgt, wenn man ihn fragt, ob er sich von diesem Unwissen runterziehen lässt. Er antwortet dann: "M-M-M-M - Menschen muss man mögen."

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