UmweltMikroplastik und Kunststoffe: Wie schädlich sind sie für die Gesundheit?

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Mikroplastik: Warum Mikroplastik so gefährlich ist und wie man sich schützen kann.
Mikroplastik: Warum Mikroplastik so gefährlich ist und wie man sich schützen kann. Alistair Berg; Getty Images/Getty Images
  • Mikroplastik gelangt hauptsächlich über Nahrung und Atmung in den menschlichen Körper. Es wurde bereits in verschiedenen Organen, Blut und weiteren Körperflüssigkeiten nachgewiesen.
  • Studien deuten auf mögliche gesundheitliche Risiken durch Mikroplastik hin. Es kann Entzündungen auslösen und steht möglicherweise in Verbindung mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
  • Die genauen Auswirkungen von Mikroplastik auf die Gesundheit sind schwer zu bestimmen. Gründe dafür sind ethische Einschränkungen bei Experimenten, Schwierigkeiten beim Nachweis kleinster Partikel und die Vermischung mit anderen Umweltfaktoren.
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Kleinste Kunststoffteilchen können in den menschlichen Körper gelangen. Aber was machen die Partikel dort? Die wichtigsten Antworten zu den neuen Verhandlungen über ein globales Plastikabkommen.

Von Berit Uhlmann

Dass Plastik-Überreste in der Umwelt reduziert werden sollten, ist unter den meisten Fachleuten unstrittig – und auch zentrales Thema in den Verhandlungen über ein globales Plastikabkommen, die ab Dienstag in eine weitere Runde starten. Von weniger Kunststoff in der Umgebung könnte womöglich auch die Gesundheit des Menschen profitieren. Was man bislang über die Gefahren von Mikroplastik für den menschlichen Körper weiß.

Was ist Mikro-, was ist Nanoplastik?

Unter die Bezeichnung Mikroplastik fallen Kunststoffpartikel, die maximal fünf Millimeter messen. Die meisten dieser Teilchen entstehen im Laufe der Zeit aus größeren Kunststoffgegenständen. Beispiele sind der Abrieb von Reifen und synthetischen Textilien oder all die Brösel und Fasern von verwittertem Plastikmüll. Ein geringerer Teil der kleinen Partikel wird eigens produziert, etwa um sie Kosmetika oder Farben beizumischen.

Haben die Kunststoffteilchen eine Größe zwischen einem und tausend Nanometern, sprechen Experten von Nanoplastik. Das heißt, selbst die größten Nanopartikel messen nur 0,001 Millimeter. Sie sind so winzig, dass sie bis heute nur schwer nachzuweisen sind,  weshalb sich die Forschung bisher eher auf das größere Mikroplastik konzentriert.

Nicht nur die Größe, auch das Material des Mikroplastiks variiert ernorm. Fachleute gehen davon aus, dass mindestens 10 000 verschiedene Chemikalien für die Kunststoffproduktion verwendet werden. Mehr als 2000 davon gelten als gesundheitlich bedenklich, dazu zählen Weichmacher oder die Chemikalie Bisphenol A.

Noch unübersichtlicher wird die Lage dadurch, dass die Plastikteilchen häufig zusätzlich belastet sind. „Die Oberfläche dieser Partikel ist ein Träger für sehr viele andere Substanzen aus der Umgebung“, sagt Karsten Grote, Leiter der Arbeitsgruppe Experimentelle Kardiologie an der kardiologischen Klinik des Universitätsklinikums Gießen und Marburg auf einer Pressekonferenz des Science Media Center (SMC). Das heißt, an den Plastikresten können beispielsweise Umweltgifte, vor allem aber Mikroorganismen haften.

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Wie gelangt Mikroplastik in den Körper?

Am häufigsten dürften die Teilchen über die Nahrung in den menschlichen Organismus gelangen. Relevante Quellen sind einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge Trinkwasser sowohl aus Flaschen als auch aus dem Hahn, Fisch und Meeresfrüchte, Salz, Zucker, Honig, Reis sowie Milch.

Auch über die Atemluft gelangt Mikroplastik in den Körper – allerdings dürften viele Partikel nicht weit kommen. Eleonore Fröhlich vom Zentrum für Medizinische Forschung an der Medizinischen Universität Graz strich ebenfalls auf der Pressekonferenz heraus: „Die Lunge schützt sich sehr effektiv. Alles, was größer als fünf Mikrometer ist, wird herausgefiltert, bevor es das Organ erreicht.“ Fünf Mikrometer entsprechen 0,005 Millimetern. Die Mengen, die über die Haut aufgenommen werden, dürften Fröhlichs Worten zufolge zu vernachlässigen sein. Die Haut ist im Normalfall eine sehr dichte und undurchlässige Barriere.

Nimmt man tatsächlich wöchentlich eine Menge Mikroplastik auf, die der einer Scheckkarte entspricht?

Dieser Vergleich wird gelegentlich bemüht, um das Ausmaß des Problems zu verdeutlichen. Doch ob wirklich jede Woche fünf Gramm Mikroplastik, also das Gewicht einer Geldkarte, in den menschlichen Körper gelangen, ist mit Sicherheit nicht zu sagen. Allein schon weil die kleinsten Teilchen nur schwer nachgewiesen werden können. Grote sagte, dass diese Schätzung von vielen Fachleuten als etwas übertrieben angesehen werde. „Aber unterm Strich nehmen wir wahrscheinlich Mikroplastik in einer Menge auf, die irgendwo im Grammbereich liegt.“

Tatsächlich komme es auch nicht allein auf die Menge an, sondern auch auf die Größe der aufgenommen Partikel, betonte Lukas Kenner, stellvertretender Direktor der Abteilung für Pathologie an der Medizinischen Universität Wien, während der Pressekonferenz. Es mache schließlich einen Unterschied, ob man ein fünf Millimeter großes Teilchen schluckt, oder sich dieses zuvor in Hunderte Milliarden Nanopartikel aufgespalten hat. Die kleineren Teilchen können tiefer in Blutgefäße und Organe vordringen als das dickere Bröckchen. Die Nanopartikel haben zudem zusammengenommen eine deutlich größere Oberfläche, weshalb mehr Kontamination an ihnen haften und so in den Körper gelangen kann.

Wo im Körper wurden die Partikel bereits gefunden?

Vor drei Jahren hat man erstmals Mikroplastik im menschlichen Blut nachgewiesen. Spätestens da war klar, dass die Kunststoff-Fragmente durch den Körper transportiert werden können. Mittlerweile wurden die Partikel bereits im Gewebe von Lungen, Leber, Darm, Nieren, Milz und Plazenta sowie in Muttermilch, Urin und im Stuhl entdeckt.

Anfang des Jahres publizierten Forschende eine Arbeit, wonach sie auch verhältnismäßig große Mengen Plastik-Überbleibsel im Gehirn Verstorbener gefunden hatten. Es handelte sich überwiegend um sehr kleine Partikel. Was diese Funde bedeuten, blieb unklar, und sie sind in der Fachwelt auch umstritten. Hauptautor Matthew Campen kommentierte sie in einer Pressemitteilung gleichwohl recht drastisch: „Ich habe noch keinen einzigen Menschen getroffen, der sagt: ‚Ich habe jede Menge Plastik in meinem Gehirn und finde das völlig in Ordnung.‘“

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Was macht Plastik im Körper?

Die Tatsache, dass etwas in den Körper hineingerät, heißt noch nicht, dass es auch schadet. Dennoch gilt es nach Grotes Worten mittlerweile als Konsens, dass Mikroplastik Entzündungen auslöst. Es handele sich dabei eher um schwächere und schwelende Reaktionen, ähnlich denen, die vom Fettgewebe im Bauchraum ausgehen und mit einer Reihe von kardiolologischen und metabolischen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden.

Bei den Reaktionen auf das Mikroplastik ist nicht ganz klar, inwieweit die Immunantwort von den spezifischen Eigenschaften des Plastiks herrührt oder schlicht aus dem Fakt, dass da ein Fremdkörper im Organismus ist. Grote hat versucht, die Frage im Tierversuch zu klären. Sein Fazit: Unabhängig vom Material könnten bereits körperfremde Partikel Entzündungen auslösen. Allerdings hätten Plastikpolymere stärkere Reaktionen verursacht als etwa Silikate, also Mineralien aus der Erde, die als Kontrollsubstanz verwendet wurden. Das spricht dafür, dass auch das Material einen Einfluss hat.

Hat man Krankheiten in Verbindung mit Mikroplastik gebracht?

Den wohl stärksten Hinweis auf manifeste Gesundheitsprobleme durch Mikroplastik lieferte bisher eine Studie aus Neapel aus dem vergangenen Jahr. Forschende hatten Ablagerungen aus den Halsschlagadern von Patienten untersucht und darin zum Teil höhere Mengen Mikroplastik gefunden. Die Teilnehmer mit dem Kunststoff in den Plaques erlitten später deutlich häufiger Herzinfarkte und Schlaganfälle als jene mit den plastikfreien Adern. Damit sei noch kein Kausalzusammenhang belegt, da auch andere Faktoren zu den kardiologischen Notfällen beitragen könnten, hatten die Forscher betont. Das unterstrich auch Grote; er bezeichnete die Befunde gleichwohl als „einen sehr starker Hinweis“ darauf, dass Mikroplastik die Gesundheit beeinflussen kann.

Ein aktueller Bericht in der Fachzeitschrift Lancet zitiert darüber hinaus Studien, die einen möglichen, aber nicht belegten Zusammenhang zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Leberzirrhose, Lungenerkrankungen einschließlich Lungenkrebs sowie Darmkrebs aufzeigen.

Lukas Kenner hat sich ebenfalls mit dem Krebsrisiko beschäftigt und beispielsweise in einer Studie gezeigt, dass im Gewebe von Prostatakarzinomen mehr Plastik gefunden wurde als im umliegenden gesunden Gewebe. „Das heißt noch lange nicht, dass Plastik dafür verantwortlich ist, dass diese Tumore entstehen“, sagt der Wissenschaftler. Aber ganz ausgeschlossen ist dies auch nicht, ebenso wie die Möglichkeit, dass der Kunststoff Eigenschaften eines wie auch immer entstandenen Tumors verändert. Laborexperimente hätten beispielsweise Anhaltspunkte dafür gegeben, dass Mikroplastik es Krebszellen erleichtern könnte, sich im Körper auszubreiten.

Warum ist es so schwer, die gesundheitlichen Folgen zu bestimmen?

Experimente an Menschen verbieten sich aus ethischen Gründen. Tierversuche sind nur unter bestimmten Auflagen möglich und ihre Ergebnisse nicht einfach auf den Menschen übertragbar. Was bleibt, sind neben Laborversuchen vor allem Beobachtungen von Menschen, die unter realen Bedingungen Mikroplastik aufnehmen.

Ein Problem dabei ist, so Grote: „Mikroplastik kommt nie allein.“ Wird es zum Beispiel eingeatmet, ist es meist Teil von Feinstaub. Feinstaub, der aus Verbrennungsprozessen vor allem im Verkehr und Industrie herrührt, ist als Auslöser für Leiden des Herz-Kreislauf-Systems und der Atemwege bekannt. Nur lässt sich seine Wirkung in Beobachtungsstudien kaum sauber von der des Mikroplastiks trennen. Ähnliches gilt für die Umweltgifte und Mikroorganismen, die oft an den Plastiksplittern anhaften. Hinzu kommt die grundlegende Schwierigkeit, Partikel unterhalb von 1000 Nanometern aufzuspüren. Das gelingt momentan nur mit sehr aufwendigen Methoden wie der Elektronenmikroskopie. Die Nanopartikel sind aber womöglich die Teilchen, die am ehesten Schaden anrichten.

Alles in allem gibt es damit aktuell keine starken Belege für Gesundheitsschäden durch Mikroplastik. Das bedeutet allerdings keine Entwarnung, sondern ist den noch begrenzten Erkenntnissen geschuldet.

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