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Mikrobiom:Ordnung im Bauch

Babys werden mit einem sterilen Darm geboren. Aber wann und wie wandern die vielen Bakterien ein, ohne die Verdauung nicht funktioniert? Wissenschaftler haben die Antwort in 922 vollen Windeln gesucht - und gefunden.

Der Darm ist schwer in Mode. Gleich mehrere Bücher legten in den vergangenen Monaten nahe, das Organ ja nicht zu unterschätzen: Der Verdauungstrakt enthalte weit mehr als nur unappetitliche Säfte und stinkende Speisereste. Billionen Mikroorganismen verwerten dort Nahrung, entsorgen Unverdauliches und halten schädliche Keime fern. Doch bislang war unklar, wie das alles beginnt - ein Baby kommt schließlich mit sterilem Darm auf die Welt.

Ist der Neugeborenen-Darm also eine Art passives Nährmedium, auf dem zufällig vorhandene Keime in wilder Jagd ihren Platz erobern? Werden nützliche Mikroorganismen langfristig ferngehalten, wenn das Leben mit einem nahezu keimfreien Kaiserschnitt oder einer frühen Antibiotika-Gabe beginnt? Kann Fertignahrung die Zusammensetzung der Darmflora von Anfang an ungünstig beeinflussen? Derartige Befürchtungen kursieren unter Eltern, und so haben es Wissenschaftler der Washington University School of Medicine auf sich genommen, Antworten in 922 Babywindeln von insgesamt 58 Frühgeborenen zu suchen ( PNAS, online).

Ihre Analyse der frühkindlichen Darmbakterien legt nahe, dass das Vordringen der Keime in das Verdauungsorgan kein Zufall, sondern eher ein orchestriertes Vorgehen ist. Bakterien aus der Klasse Bacilli bilden die Vorhut, gefolgt von Gammaproteobacteria und Clostridien. Die Art der Geburt, Antibiotika oder die Nahrung beeinflussten diese Choreografie nur minimal. Sie änderten allenfalls die Geschwindigkeit, nicht aber das Muster der Erstbesiedlung. Offen blieb, was diesen geordneten Vormarsch der Bakterien dirigiert. Die Forscher um Phillip Tarr halten es für denkbar, dass das entstehende Immunsystem des Babys ordnend eingreift. Möglich sei aber auch, dass die Pioniere unter den Bakterien das Feld so bestellen, dass es bestimmte Nachfolger begünstigt. Ungewiss ist zudem, ob die Erkenntnisse für alle Babys gelten. Die Wissenschaftler hatten Säuglinge auf Frühchenstationen untersucht. Doch in einer häuslichen Umgebung mit neugierigen Geschwistern und schmutzigen Schnullern sind Babys deutlich mehr Keimen ausgesetzt - mit unklaren Folgen für ihre Darmflora.