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Gewalt gegen Frauen:Gewalt als Konstante der Kindheit

Für die Rechtsanwältin Verónica Hernández, 46 Jahre alt, war Gewalt eine Konstante ihrer Kindheit. Der Vater ohrfeigte die Mutter und schlug sie mit Stöcken, Drähten und anderen Gegenständen, die er in die Finger bekam. Vor den Augen der Tochter. Die Erinnerungen schmerzen Hernández bis heute. Vor allem aber bereut sie etwas anderes: Dass sie zuließ, dass sich dieses Muster von Gewalt in ihrer eigenen Beziehung wiederholte. 22 Jahre lang hat sie ihr Leben mit einem eifersüchtigen und gewalttätigen Alkoholiker geteilt.

Sie stritten häufig, schrien sich an, auch die Schläge blieben nicht lange aus. Trotzdem heirateten sie und gründeten gemeinsam eine Anwaltskanzlei. Ihr Blick ist traurig und ausweichend, fast ständig blickt Hernández im Gespräch auf den Boden oder die Wände des Raums des Sozialzentrums "Amor y Transformación", Liebe und Verwandlung. Seit ein paar Jahren gibt es diese und andere Organisationen, die Menschen mit destruktiven Beziehungen Unterstützung und Therapien anbieten.

Hernández ist eine von 30,7 Millionen Mexikanern im Alter von 15 Jahren oder älter, die mindestens eine Gewalttat erlitten haben, so ergab es eine landesweite Umfrage aus dem Jahr 2016. Das Leben von zwei Dritteln der mexikanischen Frauen über 15 Jahre ist von Gewalt durchtränkt. In vielen Fällen beginnt der Missbrauch in der Kindheit. Allein im Jahr 2015 registrierte die Generalstaatsanwaltschaft 30 000 minderjährige Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung, 80 Prozent von ihnen zwischen zehn und 14 Jahren alt.

"Da die Taten meist nicht bestraft werden, hat das Phänomen sich weiter ausgebreitet"

Wie viele andere Mexikanerinnen wuchs Hernández mit Vorstellungen auf, die für ihre Kultur typisch sind: Dass Liebe alles heilen kann. "Ich war bereit, die Gewalt auszuhalten und alles zu vergeben. Ich dachte, dass ich belohnt würde, wenn ich in diese Beziehung investiere. Doch die Misshandlungen hörten nicht auf. Viele Male musste sie außerhalb ihres Hauses Schutz suchen, wenn ihr Mann wieder betrunken war. Wegen seiner Alkoholabhängigkeit mussten sie auch die Anwaltskanzlei schließen. Schließlich musste sie alle Lebenskosten allein bestreiten. Laut der nationalen Umfrage von 2016 mussten 6,9 Prozent der Frauen wegen häuslicher Gewalt ihren Arbeitsplatz wechseln, und eine von 20 Frauen hat aufgrund der erlittenen Gewalttätigkeiten ihren Arbeitsplatz verloren. Eine von zehn misshandelten Frauen sagte, sie hätten als direkte Folge von Gewalt nicht zur Arbeit erscheinen können.

Trotz des Engagements und des Gerichtsurteils hat sich die Situation in Mexiko keineswegs verbessert. Zwischen 1985 und 2016 wurden in Mexiko 52 210 Frauen umgebracht, ergab eine Analyse der Organisation UN Women und dem Nationalinstitut für Frauen in Mexiko. "Da die Taten meist nicht bestraft werden, hat das Phänomen sich weiter ausgebreitet und ist zur Normalität geworden", sagt die Sozialwissenschaftlerin Lucía Melgar.

Verletzlich und schutzlos hat sich die Dichterin Aimé Solano seit ihrer Kindheit gefühlt; die heute 53 Jahre alte Frau wurde als Kleinkind zur Adoption freigegeben. In der Adoptivfamilie wurde sie misshandelt, von Onkeln und Cousins sexuell missbraucht, mit der Adoptivmutter als Komplizin der Täter. "Lass doch, dein Onkel möchte dich umarmen", hatte die Frau zu dem Mädchen gesagt. "Im Alter von acht Jahren fühlte ich mich sehr alt; ich wollte nicht mehr existieren", sagt Aimé Solano.

"Jetzt fühle ich mich schuldig"

Als ihr Ehemann später ihre beiden Töchter und ihren Sohn verprügelte, konnte sie sie nicht verteidigen. "Als eine meiner Töchter zehn Jahre alt war, schlug er ihren Kopf auf den Tisch, aber ich hatte solche Angst vor ihm, dass ich nichts tat. Ich versteckte mich mit meinen anderen Kindern im Schlafzimmer." Sie verstummt. Dann sagt sie: "Jetzt fühle ich mich schuldig, dass ich sie nicht verteidigt habe." Solano musste sich einen Job suchen, die Kinderbetreuung und ihre neue Unterkunft finanzieren. Erst als sie eine Stelle als Gymnasiallehrerin gefunden hatte, befreite sie sich aus dem Kreislauf der Gewalt.

Norma Andrade sucht weiter nach Gerechtigkeit. Wegen der Untätigkeit der Regierung zog die Mutter der toten Lilia vor die Interamerikanische Menschenrechtskommission. In diesem Jahr trug ihr Kampf endlich erste Früchte: Am 7. Mai 2018, während der 168. Sitzung der Kommission, wurde die mexikanische Regierung international verantwortlich gemacht für "die Mängel, die Verzögerungen und fehlende Sensibilität" bei der Untersuchung der Ermordung einer jungen Frau: Der 17-jährigen Lilia Andrade.

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung des European Journalism Centre über sein Global Health Journalism Grant Programme umgesetzt.

© SZ vom 02.11.2018/cvei
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