Menschen mit Down-Syndrom:Rechtfertigungsdruck der betroffenen Familien

Ob sich durch immer leichtere Verfügbarkeit derartiger Tests die Einstellung gegenüber dem Down-Syndrom ändert, ist noch schwieriger zu bewerten. "Wir bewegen uns hier im Gebiet der gefühlten Wahrheiten", sagt Bettina Leonhard vom Verein Lebenshilfe, der sich für die Rechte von Menschen mit geistigen Behinderungen einsetzt. Was sie in der Begegnung mit betroffenen Familien spürt, ist ein zunehmender Rechtfertigungsdruck der Eltern. Offen oder unausgesprochen steht die Frage im Raum, warum die Eltern keinen Test haben vornehmen lassen.

Dies ist umso bedenklicher, da viele Menschen gar nicht genau wissen, wie das Leben mit Trisomie 21 ist. Beraterin Dohr trifft immer wieder auf werdende Eltern, die noch nie einen Menschen mit Down-Syndrom gesehen haben. Sie würde sich wünschen, dass mehr Frauen sich schon im Vorfeld der Untersuchung informieren. "Wir vermitteln in Münster Kontakte zu einer Selbsthilfegruppe, damit die Eltern mit positivem Testergebnis betroffene Familien kennenlernen und sich selbst ein Bild machen können", sagt sie. Leider werde das Angebot nicht besonders gut angenommen.

Die Ärztin kann es den werdenden Müttern nicht verdenken. Denn Frauen, die gerade erst erfahren haben, dass sie schwanger sind, erleben jede Menge Gedanken, Gefühle, Veränderungen. Sich in dieser Situation auch noch mit der Möglichkeit eines behinderten Kindes auseinanderzusetzen, ist extrem schwer.

So stimmt letztlich - unabhängig von dem Bluttest - etwas in der Gesellschaft nicht, wenn der Umgang mit Behinderung lediglich ein Thema für Frauen in der Frühschwangerschaft ist. Wenn es - wie Dohr beobachtet - für Familien schwierig ist, einen Babysitter oder Spielkameraden für ihr Kind mit Down-Syndrom zu finden. Die Auseinandersetzung mit diesem Teil des Lebens gehört in die Gesellschaft, in die Schulen, fordert die Ärztin. Genauso wie die betroffenen Menschen mitten ins soziale Leben gehören.

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