Medizinisches Cannabis:Cannabis könnte vor Psychosen schützen

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Die möglichen Nebenwirkungen betreffend treibt Kritiker zudem die Gefahr von Psychosen um. "Das Risiko, eine Psychose zu entwickeln, ist bei Cannabis-Konsumenten etwa zwei- bis dreimal höher als in der Normalbevölkerung", sagt der Psychiater Patrik Roser, der sich am Universitätsklinikum Bochum mit Schizophrenien befasst. "Je jünger die Konsumenten sind, umso größer ist das Risiko." Dass diese Gefahr auch für die meist niedrig dosierten synthetischen Cannabis-Medikamente gilt, ist nicht sehr wahrscheinlich, mit letzter Sicherheit aber nicht auszuschließen. Sicher ist nur, dass der Zusammenhang nicht vollkommen verstanden und komplex ist.

Seit einigen Jahren erkennen Wissenschaftler, dass Cannabis möglicherweise auch vor Schizophrenien schützen kann. Während der Cannabis-Inhaltsstoff THC die Entstehung von Psychosen begünstigen kann, wirkt ein weiterer Inhaltstoff, das Cannabidiol, offenbar gegenteilig. Dies ist nicht so widersinnig, wie es auf den ersten Blick scheint. Das menschliche Gehirn hat eine ganze Reihe von Bindungsstellen für Cannabinoide, die Inhaltsstoffe der Hanfpflanze. "Die hat es nicht, um Haschisch-Raucher high zu machen", sagt Roser, sondern weil der Mensch selbst Cannabinoide produziert, die an der Steuerung verschiedener Vorgänge beteiligt sind. THC und Cannabidiol greifen an unterschiedlichen Stellen und mit unterschiedlichen Wirkungen in diese Regelkreise ein.

Die bisherigen Untersuchungen sprechen dafür, schlussfolgerte Roser 2012 in einer Übersichtsarbeit, dass das isolierte Cannabidiol gegen Schizophrenie hilft. Noch befindet es sich allerdings in der klinischen Erprobungsphase.

In den meisten Fällen bleibt eine Frage offen, die in der Diskussion oft zu kurz kommt: Wie gut hilft Cannabis jenseits von spektakulären Fallbeispielen? Große Studien sind rar und Bewertungen schwierig, weil Cannabis in verschiedenen Formen untersucht wird. Mal werden ganze Blätter und Blüten mit ihren Dutzenden Bestandteilen, mal einzelne Inhaltsstoffe getestet. Mitunter wird die Medizin aus einem qualmenden Joint inhaliert, in anderen Fällen als Tablette geschluckt oder aus dem Fläschchen gesprüht.

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