Medizingeschichte Der Pionier der Herzchirurgie: Erste Transplantation vor 50 Jahren

Christiaan Barnard zeigt eine Röntgenaufnahme des Patienten, der erstmals ein Herz verpflanzt bekommen sollte.

(Foto: dpa)

Am 3. Dezember 1967 verpflanzt der Arzt Christiaan Barnard erstmals ein neues Herz. Doch der Patient stirbt bald - und die Idealisierung des Eingriffs dauert bis heute an.

Von Werner Bartens

Die gefühlige Beschreibung hätte jedem Arztroman zur Ehre gereicht. "Er hielt ihr weißes Herz in seinen schwarzen Händen", notiert eine Chronistin. Und dann erzählt sie die anrührende Geschichte vom schwarzen Gärtner aus armen Verhältnissen, der mit 14 Jahren die Schule verlassen musste, um sich und seine Familie zu ernähren. Mit Geschick und Hartnäckigkeit eignet er sich jedoch medizinische Kenntnisse an, arbeitet sich zum Do-it-yourself-Chirurgen empor und ist entscheidend an der umjubelten ersten Herztransplantation beteiligt. Doch andere ernten den Ruhm allein.

Die bewegende Legende findet sich nicht in Groschenheften, sondern sie ist nachzulesen in renommierten Zeitungen wie der New York Times und dem Economist, sie wurde von der BBC verbreitet und stand gar in medizinischen Fachjournalen wie dem Lancet und dem British Medical Journal, die zum Tode Nakis 2005 berichteten, dass der Hilfsarbeiter zumindest das Herz der Spenderin herausoperiert habe. Statt in einer Reihe mit Robert Koch und Louis Pasteur zu stehen, sei er verdrängt und vergessen worden. Jahrzehnte nach der medizinischen Heldentat am Kap müsse aufgedeckt werden, dass nicht der ebenso charismatische wie egomane Schönling Christiaan Barnard das erste Herz weltweit verpflanzt habe, sondern sein farbiger Laborgehilfe Hamilton Naki viel größeren Anteil daran hatte.

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Thorsten Schobe braucht dringend ein Spenderherz - doch es gibt keins. Als er eines Tages aus der Narkose aufwacht, sagt seine Frau: "Du hast kein eigenes Herz mehr". Doch Schobe lebt.

Barnard habe den bescheidenen Naki zeitlebens geschätzt, er habe ihm sogar "mehr handwerkliches Geschick" mit Nadel und Skalpell zugetraut als sich selbst. Allein die Rassentrennung im Apartheid-Regime sowie die Ruhmsucht des Chirurgen hätten dazu geführt, dass Naki die Anerkennung der Fachwelt und die Bewunderung der Welt verwehrt blieb. Späte Wiedergutmachung wäre längst angebracht, schrieben Ärzte und Journalisten anlässlich Nakis Tod 2005. Doch so schön die Geschichte klingt, sie stimmt nicht, auch wenn Naki im Alter mit Orden ausgezeichnet wurde, den Ehrendoktor bekam und in Kapstadt ein Platz nach ihm benannt ist.

Der angebliche Hauptakteur im Operationsteam war an jenem Tag nicht mal im Krankenhaus

Fachjournale druckten Korrekturen, der Dekan der medizinischen Fakultät von Kapstadt erklärte den wahren Sachverhalt, und Journalisten entschuldigten sich für die falschen Elogen auf den zwar geschätzten, aber medial überschätzten Assistenten, der nie Menschen operiert hatte und am fraglichen Tag nicht mal im Krankenhaus war. Was für eine Geschichte, wenn die berühmteste Operation der Welt tatsächlich von einem Unbekannten ausgeführt worden wäre, der danach jahrzehntelang im Verborgenen blieb.

Kaum ein ärztlicher Eingriff ist symbolisch so überladen wie die erste Herztransplantation am 3. Dezember 1967 am Groote Schuur Hospital - medizinisch, menschlich, medial. Sogar für die Unterdrückung der schwarzen Mehrheit und eines angeblichen Heroen der Medizin musste die Operation herhalten. Und womöglich hat keine ärztliche Großtat weltweit jemals so viel Aufmerksamkeit hervorgerufen. Wer kann sich an vergleichbare Heldentaten aus der Medizin erinnern und sie gar mit Namen verbinden? Alexander Fleming und seine Entdeckung der Antibiotika sind hier vielleicht noch zu nennen. Die Beschreibung der Doppelhelix durch Watson und Crick. Conrad Wilhelm Röntgen und die Strahlen natürlich auch. Aber das war alles weit vor 1967.

An jenem 3. Dezember 1967, einem Sonntag, begann in der Brust des 54-jährigen Louis Washkansky früh morgens ein neues Herz zu schlagen. Der Gemüsehändler litt an schwerer Herzschwäche und hatte nicht mehr lange zu leben. Atemnot, schnelle Erschöpfung und die drohende Mangeldurchblutung lebenswichtiger Organe bestimmten seinen Alltag. Deshalb willigte er ein, sich dem Experiment einer Herztransplantation zu unterziehen. Als die 25-jährige Bankangestellte Denise Darvall wenige hundert Meter vor dem Eingang des Krankenhauses überfahren und ein irreversibler Hirnschaden bei ihr festgestellt wurde, schien der große Moment gekommen zu sein.

"Louis, es ist niemals zuvor gemacht worden, möchten sie es sich nochmals überlegen", wurde Washkansky von den Ärzten gefragt. Nachdem er schon mehrere Herzinfarkte erlitten hatte, seit September auf der Intensivstation lag und jeden Tag schwächer wurde, nahm der Patient das Angebot an. Den Mann, der ihn retten sollte, beschlichen noch auf dem Weg zur Operation Zweifel, wenn man der Schilderung in Barnards Autobiografie "One Life" (Deutsch: "Mein Weg als Arzt und Mensch") Glauben schenkt. Noch in der Umkleide während der Händedesinfektion habe der Sohn eines burischen Predigers sich gefragt, ob es nicht zu früh für den Eingriff sei, sein Team bereit wäre und seine rheumatischen Hände durchhalten würden.

Fünf Stunden dauerte die Operation, ein 31-köpfiges Team war daran beteiligt. Doch der erste Herztransplantierte der Welt überlebte das forsche Vorgehen der Chirurgen nur 18 Tage. Um eine Abstoßung zu verhindern, war das Immunsystem von Louis Washkansky medikamentös unterdrückt worden. Er erkrankte an einer fulminanten Lungenentzündung und starb. Zur Beerdigung seines berühmtesten Patienten ging Barnard nicht. Er war kurz vor dem Abflug nach New York, wo er in einer Fernsehsendung gemeinsam mit seinem Kontrahenten Adrian Kantrowitz auftreten sollte. Der Herzchirurg aus Brooklyn hatte am 6. Dezember 1967, nur drei Tage nach Barnards Geniestreich, einem 19 Tage alten Baby mit schwerem Herzfehler ein neues Organ eingepflanzt. Das Kind starb wenige Stunden später.