Medizingeschichte "Operation gelungen, Patient gestorben"

Ob das zynische Bonmot "Operation gelungen, Patient gestorben" in dieser Zeit seinen Ursprung hat, ist ungewiss. Das unsichere Schicksal der frühen Herzpatienten kommentierte Clarence Walton Lillehei, ein weiterer Pionier der Herzchirurgie, nüchtern: "Wenn du in die Wildnis gehst, kannst du nicht erwarten, dass die Wege gepflastert sind." Washkanskys Witwe nahm Barnard übel, dass er nicht zur Trauerfeier kam. Wenigstens stand sein Bruder Marius Barnard am Grab, ebenfalls Mitglied des Operationsteams.

Er äußerte sich über den Tod des Patienten mit den Worten: "Wir haben den Mount Everest bestiegen - und beim nächsten Mal wissen wir, wie wir hinunterkommen." Die Bedeutung der ersten Herztransplantation in Kapstadt wurde in mehrfacher Hinsicht übertrieben und das Werk Barnards überhöht. Für einen Arzt, der nicht gerade als Kardiologe oder Herzchirurg tätig ist und nicht unter romantischen Anwandlungen leidet, für den ist das Herz ein vergleichsweise primitives Organ. Es zu verpflanzen war in erster Linie ein großes menschliches Wagnis, keine chirurgische Meisterleistung.

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Der Mut, oder besser das Draufgängertum, ein fremdes Organ einzusetzen, ohne die immunologische Abstoßungsreaktion des Körpers richtig verstanden, geschweige denn unter Kontrolle zu haben, erforderte einen besonderen Charakter. Der Tod des Patienten musste bei einem derart waghalsigen Eingriff geradezu in Kauf genommen werden. Über die Konkurrenz um die erste Verpflanzung zwischen Barnard und mindestens drei Chirurgen in den USA schreiben Andreas und Stephan Lebert: "Gemeinsam war diesen Männern eine gewisse Art von Brutalität. Anderen aber auch sich selbst gegenüber." In ihrem Buch "Herzensangelegenheiten" (Fischer Verlag) verweben sie die Herztransplantation ihrer Mutter mit der nunmehr 50-jährigen Geschichte des Eingriffs.

Obwohl es also nicht überraschend war, dass die Patienten der bestaunten Herzverpflanzung zum Opfer fallen konnten, und nicht sie, sondern die Operateure die eigentlichen Helden der Geschichte waren, stellt die Herz-Transplantation einen Wendepunkt in der Beachtung der Kranken dar. Erstmals wurden auch Patienten populär, sie wurden namentlich in den Medien erwähnt und besonders der erste Kranke, Louis Washkansky, der Öffentlichkeit vorgestellt und vertraulich mit seinem Spitznamen "Washy" bezeichnet. Patienten waren nicht länger anonyme Verfügungsmasse, die auf dem Weg des medizinischen Fortschritts eben manchmal dran glauben mussten, sondern Individuen mit einer eigenen Leidensgeschichte.

Die Euphorie, die Barnards Eingriff rund um den Globus auslöste, befeuerte zusammen mit der Begeisterung über die erfolgreiche Mondlandung wenige Monate später vielleicht zum letzten Mal jenen ungebremsten Fortschrittsglauben, der charakteristisch für die Aufbruchstimmung in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war. Nach dem schnellen Scheitern der ersten Herztransplantationen, mit der ungezügelten Abstoßungsreaktion oder schweren Infektion und dem Tod der Patienten setzte jedoch auch eine Vorahnung dessen ein, was wenige Jahre später vom Club of Rome mit "Grenzen des Wachstums" beschrieben wurde. Trotz aller Erfolge musste sich die Medizin eingestehen, dass weiterhin Menschen starben und Heilung oft unmöglich war, auch wenn Richard Nixon 1971 trotzig den "Krieg gegen den Krebs" ausrief.

Warum hat das Herz noch diese idealisierte, symmetrische Form, weit entfernt von der Realität?

Zwar gab es 1968 Dutzende weitere Herztransplantationen, doch nach vielen Misserfolgen und frühen Todesfällen wurden im folgenden Jahrzehnt nur zögerlich weitere Organe verpflanzt. Erst mit Beginn der 1980er-Jahre und der Entdeckung des Cyclosporins, das Abstoßungen unterdrückt, wurden Herztransplantationen wieder populär. Bis heute wurden fast 13 000 Organe weltweit verpflanzt.

Doch wie konnte es so weit kommen, dass vom Herz eine solche Aura ausging, die Kardiologie lange als die vornehmste medizinische Fachdisziplin galt und Barnard die Frauen zu Füßen lagen, da er offenbar nicht nur Herzen brechen, sondern auch verpflanzen konnte? "Eine Pumpe, eine sehr eindrucksvolle Pumpe, nichts weiter", ist das Herz schließlich nur für den Münchner Herzchirurgen Bruno Reichart, der 1984 Nachfolger Barnards in Kapstadt wurde.

"Seit der Antike gibt es eine Denktradition, in der die Leidenschaften und die Lebenskraft im Herzen lokalisiert wurde", sagt der Gießener Medizinhistoriker und Kulturwissenschaftler Volker Roelcke. "Im Spätmittelalter entwickelte sich eine Verehrung des Herz' Jesu, dargestellt durch das Bild eines Herzens, das umgeben von Flammen oft neben dem Körper von Jesus abgebildet wurde." Während der Gegenreformation wurde diese Verehrung besonders populär und entwickelte sich durch christliche Missionare zu einem globalen Kult. "Interessanterweise ist das idealisierte, symmetrische, brennend rote Herz kaum verschieden von den Herzen, die wir heute überall sehen - auf Grußkarten, Liebeserklärungen, als Schmuck oder Graffiti", erklärt Roelcke.

Barnard selbst hat das Herz wenig Glück gebracht. Zwar jubelten dem attraktiven Mann mit dem gewinnenden Lächeln und den abstehenden Ohren die Frauen weltweit zu, doch seine drei Ehen scheiterten. Von seinen Kollegen wurde er geschnitten, da sie ihn für einen chirurgischen Parvenu hielten, der sich bei seriösen amerikanischen Herzchirurgen die Technik abgeschaut hatte und den Großmeistern des Fachs aus Stanford und New York nur zuvorkam, weil Südafrika die Organentnahme auch in Fällen erlaubte, in denen sie in den USA verboten war.

Barnard selbst führte nur insgesamt sechs Herztransplantationen durch, 1974 verpflanzte er ein Herz auf ein anderes, zur Entlastung. Doch private Schwierigkeiten und das Leben als weltweiter Medienstar ließen ihn den OP-Tisch vernachlässigen. Barnard wurde vom Papst und US-Präsidenten empfangen, machte Imelda Marcos und dem Schah von Persien seine Aufwartung, er feierte mit Sophia Loren und hatte angeblich eine Affäre mit Gina Lollobrigida. Yachten und Rolls-Royce statt Mundschutz und grüner Kittel.

Dieser Ruhm war nur möglich, weil das Herz eben für so viel mehr stand und steht als nur für eine Umwälzanlage des venösen und arteriellen Bluts. "Mehr als alle anderen Organe hat das Herz seine emblematische Form beibehalten, längst losgelöst von ihren Ursprüngen in der religiösen Vorstellung", sagt Kulturwissenschaftler Roelcke. "Viel stärker als andere Organe hat sich das Herz in seiner populären Form der Weiterentwicklung des medizinischen Wissens entzogen." Trotz Kardiologie und Herzchirurgie mit Transplantation, Bypass und Stents hängen wir noch immer am alten Bild vom Herzen, seiner Form und Bedeutung für die menschliche Identität. Ohne diese extreme Idealisierung wäre die Geschichte der Herztransplantation weitaus weniger glamourös verlaufen.

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