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Wissenschaftsgeschichte:Lehrkörper aus Elfenbein

Ivory Figuerle

Elfenbeinfiguren wie diese wurden im 17. Jahrhundert in der anatomischen Lehre eingesetzt.

(Foto: Fides R. Schwartz/RSNA)

Filigrane Puppen mit abnehmbarer Bauchdecke haben Medizinstudenten früher die menschliche Anatomie nahe gebracht. Aber die Figürchen hatten wohl noch einen anderen Zweck.

Wer im späten 17. Jahrhundert wissen wollte, wie ein Mensch von innen aussieht, der tat sich schwer, verständliches Anschauungsmaterial zu finden. Bunte Modelle aus Plastik, wie man sie heute aus Arztpraxen und dem Biologieunterricht kennt, gab es damals natürlich nicht. Zeichnungen in Büchern sind lediglich zweidimensional; Körper aus Fleisch und Blut existieren jedoch im Raum. So halfen sich manche - wohlhabende - Medizinstudenten und Ärzte damals mit kleinen, filigran geschnitzten Figuren aus Elfenbein weiter.

Die zehn bis 20 Zentimeter langen Puppen hatten eine abnehmbare Bauchdecke und ein säuberlich ausgeschnitztes Innenleben, das Lungenflügel, Darm, Rippen und manchmal sogar einen Fötus samt beweglicher Nabelschnur aus Stoff offenbarte. Lernende konnten die Organe herausnehmen und von allen Seiten betrachten. Hergestellt wurden die Figuren vermutlich in Deutschland; das Elfenbein stammte wohl aus Afrika.

180 dieser anatomischen Modelle sind weltweit bekannt; die größte Sammlung befindet sich an der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina. Die meisten von ihnen zeigen Frauen. Nun hat ein Team von Radiologen um Fides Regina Schwartz 22 der Puppen mit Computertomografen durchleuchtet um ihre genaue Materialzusammensetzung zu untersuchen. Die ist nämlich gar nicht so einfach festzumachen, denn die filigranen Figuren können leicht beschädigt werden. Tatsächlich waren 20 der 22 Puppen aus reinem Elfenbein, eine aus Elfenbein und Walknochen und eine aus Geweih. Das ist erstaunlich, denn Geweih war im 17. Jahrhundert eigentlich günstiger als Elfenbein.

Deshalb vermuten Historiker, dass die Puppen nicht nur eine anatomische Anschauungshilfe waren, sondern auch Statussymbol. Im 18. Jahrhundert lösten Wachsmodelle die Elfenbeinpüppchen als Lehrmaterial ab. Zudem entwickelte sich das Aufschneiden und Untersuchen von Kadavern zu einer gängigen Forschungspraxis. Heute gibt es zum Glück Modelle aus Plastik.

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