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Medizin:Zu oft wird eine Blutvergiftung übersehen

Es passiert zu oft, dass Ärzte und Pfleger die ersten Anzeichen für eine Sepsis übersehen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • In Deutschland sterben fast 70 000 Menschen pro Jahr an einer Blutvergiftung.
  • Damit gehört die Blutvergiftung hier zu den häufigsten Todesursachen. Es sterben zwanzig Mal mehr Menschen an einer Sepsis als im Straßenverkehr.
  • Häufig trifft es Patienten, die bereits im Krankenhaus liegen. Sie erkranken direkt unter den Augen von Krankenpflegern und Ärzten.

Das Kind ist krank, es atmet schwer. Der Sohn von Tanja Gethöffer ist drei Jahre alt, als er eine Krankheit bekommt, die wie eine Grippe wirkt: Er hat Bauchweh und nachts übergibt er sich, die Mandeln sind entzündet, schließlich bekommt er Fieber. Eine Operation an der Nase würde es richten, sagt der Kinderarzt.

Doch nach acht Wochen liegt der Sohn der Frau aus Hessen tot in ihrem Bett. Es war nicht die Nase, stellen die Ärzte hinterher fest. Es war eine Blutvergiftung, eine Sepsis. Auf die Idee, dem Kind einmal Blut abzunehmen, war zuvor keiner der Mediziner gekommen.

Es passiert oft, zu oft, dass Ärzte und Pfleger die ersten Anzeichen für eine Sepsis übersehen. Denn sie kleidet sich in Symptome, die auf eher harmlose Krankheiten schließen lassen - wie etwa Schüttelfrost, Fieber, Verwirrtheit. Eine Blutvergiftung ist kein roter Strich auf der Haut, der von einer Wunde oder einem Insektenstich in Richtung Herz wandert, wie man es sich oft erzählt.

Dieses Phänomen ist tatsächlich eine Lymphbahnen-Entzündung, die zu einer Sepsis führen kann. Doch die wahre Vergiftung beginnt erst dann, wenn Bakterien in den Blutkreislauf gelangen. Während der Körper versucht, die Eindringlinge zu bekämpfen, greift er die eigenen Organe an. Das kann blitzschnell zum Tod führen. Es sei denn, ein Arzt handelt sofort. Binnen einer Stunde braucht ein Patient Antibiotika, je mehr Zeit vergeht, desto gefährlicher wird es für ihn. Eine Blutvergiftung erfordert dieselbe Eile wie ein Herzinfarkt.

Ein entzündetes Organ kann eine Sepsis auslösen

Heute stirbt ein Drittel bis zur Hälfte aller Betroffenen an der Sepsis. Das sind laut Sepsis-Stiftung allein in Deutschland fast 70 000 Menschen pro Jahr. Damit gehört die Blutvergiftung hier zu den häufigsten Todesursachen. Es sterben zwanzig Mal mehr Menschen an einer Sepsis als im Straßenverkehr. Häufig trifft es Patienten, die bereits im Krankenhaus liegen. Sie erkranken direkt unter den Augen von Krankenpflegern und Ärzten, bloß erkennen die es oft zu spät. Ein entzündetes Organ kann eine Sepsis auslösen, oder Keime, die aus den Krankenhausfluren in offene Wunden wandern.

In anderen Ländern, etwa in England, gibt es deshalb längst Aufklärungskampagnen mit griffigen Merksätzen. Zum Beispiel: "Frag einfach! Könnte es Sepsis sein?" Dort, wie auch in den USA oder Australien, sterben zehn bis 20 Prozent Patienten weniger im Krankenhaus an einer Sepsis, melden deutsche Patientenorganisationen. Hier könnten Ärzte jedes Jahr bis zu 20 000 Menschen retten.

Deshalb haben sie nun im großen Gesundheitsgremium in Berlin, in dem Ärzte, Kliniken und Krankenkassen miteinander verhandeln, ganz offiziell beantragt, einen Plan gegen die Sepsis zu entwickeln. Selbst die Weltgesundheitsorganisation verlangte im vergangenen Jahr, dass Staaten die Erkrankung bekämpfen. Die Blutvergiftung, heißt es in der Resolution, müsse überall als zeitkritische Diagnose gelten, als absoluter Notfall.

Das Gesundheitsgremium allerdings ist ein behäbiges Haus. Nur ungern lassen sich die Funktionäre dort hetzen. Deshalb haben sie den Antrag zunächst an einen Unterausschuss überwiesen, der schickt ihn weiter in eine Arbeitsgruppe. Man will sich jetzt erst einmal sechs Monate beraten.

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