Süddeutsche Zeitung

Demenz:Auf der Suche nach einem Alzheimer-Medikament

Auch am 100. Todestag von Alois Alzheimer steht die Forschung vor einer großen Frage: Was tun gegen den schleichenden Gedächtnisverlust?

Von Kathrin Zinkant

Der Arzt muss vor dem offenen Schädel seiner mit 55 Jahren verstorbenen Patientin gestanden haben wie ein Kriminalkommissar am Tatort. Seit fünf Jahren hatte Auguste Deter unter massivem Gedächtnisverlust gelitten. Jetzt erblickte Alois Alzheimer endlich den Täter: Eine gelbliche Masse umlagerte das Gehirn der Toten, Ablagerungen, Plaques - ein erdrückendes Gewicht auf den zarten Nervenzellen.

Der Rest der Geschichte ist Legende: Alzheimer hatte an diesem Tag im April 1906 eines der wichtigsten Leiden des 21. Jahrhunderts entdeckt: die nach ihm benannte Alzheimer-Demenz. Und gerade jetzt, am 100. Todestag des Arztes, blickt die Forschung wieder auf ein turbulentes Jahr zurück: Im Sommer hatte eine Studie große Hoffnung auf eine wirksame Therapie geschürt, erstmals sollte ein Mittel in der Lage sein, die Krankheit aufzuhalten.

Es wurde also, wie immer, einiges versprochen

Eine andere Studie wollte belegt haben, dass ein längst verfügbares, viel verschriebenes Medikament zumindest die Symptome der häufigsten Demenzerkrankung so stark lindert, dass die Betroffenen etwas länger zu Hause leben können. Es wurde also, wie immer, einiges versprochen.

Immer neue Ergebnisse stifteten Verwirrung: Eisen beschleunige die Erkrankung, Kaffee schütze davor. Das Gehirn auf 16 Grad zu kühlen, halte zumindest Mäuse fit. Ebenfalls in Nagetieren soll eine Chemikalie die mutmaßlich gefährlichen Ablagerungen im Gehirn einfach auflösen können. Zucker hingegen: reines Gift. Alzheimer könnte eine dritte Diabetesform sein. Andere Wissenschaftler haben möglicherweise den Marker für einen neuen Bluttest auf Alzheimer gefunden. Und festgestellt, dass in erkrankten Mäusen das Immunsystem unterdrückt zu sein scheint. Lauter Puzzleteilchen, von denen niemand weiß, ob sie überhaupt zusammenpassen.

OP-Bestecke können den Alzheimerkeim übertragen?

Und über allem liegt die Angst. Die Deutsche Alzheimergesellschaft e. V. warnt zum Todestag des Entdeckers vor drei Millionen Demenzkranken bis zum Jahre 2050 allein in Deutschland. Etwa zwei Millionen davon werden Alzheimer bekommen. Und zu allem Überfluss behaupteten britische Wissenschaftler im September auch noch, Alzheimer sei ansteckend. Ihre Studie erschien im hoch angesehenen Journal Nature, die beteiligten Forscher gelten seit vielen Jahren als Koryphäen auf dem Gebiet der Prionen. So heißen die infektiösen Eiweiße, die auch den Rinderwahn übertragen.

Jetzt sollte auch das Alzheimer-Eiweiß solche Eigenschaften haben, also tatsächlich übertragbar sein. Zwar wurde schnell klar, dass sowohl die Zahl der untersuchten Patienten (vier), als auch die weitreichenden Rückschlüsse (OP-Bestecke können den Alzheimerkeim übertragen) keinem wissenschaftlichen Standard genügten. Doch wer mit diesen umstrittenen Details nicht vertraut war und in engem Kontakt mit Alzheimerkranken stand, dem konnte eigentlich nur bange werden. Und der musste sich umso mehr fragen: Warum kann die moderne Medizin noch immer nichts gegen dieses furchtbare Leiden ausrichten?

Viele Therapien zielen darauf ab, Verklumpungen im Gehirn aufzulösen

Die Frage erscheint berechtigt, schließlich arbeiten mittlerweile ein Fünftel aller Neurowissenschaftler an dem Thema. Das klinische Studienregister clinicaltrials.gov verzeichnet mehr als 1700 Untersuchungen zum Stichwort Alzheimer. In jeder vierten Arbeit wurden bereits alte und neue Mittel an einer großen Zahl von Patienten in den sogenannten Phasen 3 und 4 getestet. Dabei geht es um die entscheidende Frage, ob das jeweilige Präparat nicht nur sicher ist, sondern auch erkennbar wirkt.

Doch obwohl Medien und Ratgeber schon lange berichten, dass Medikamente den Verlauf der Krankheit verlangsamen, können die zugelassenen Arzneien die Symptome nur dämpfen. Sie lindern zum Beispiel die Vergesslichkeit ein wenig, indem sie die Verfügbarkeit von Botenstoffen im Gehirn erhöhen.

Zu diesen Mitteln gehörte auch der Hype des Jahres

Gegen den Niedergang der Nervenzellen richten sie gar nichts aus. Deshalb suchen Forscher andere, neue Substanzen. Untersucht werden sowohl reine Arzneistoffe als auch Immuntherapien und Impfungen. Und viele dieser Therapien zielen darauf ab, die Verklumpungen im Gehirn aufzulösen oder sogar zu verhindern.

Zu diesen Mitteln gehörte auch der Hype des Jahres: Solanezumab, ein Antikörper, der ganz gezielt an das verklumpende Eiweiß bindet. Mehrere große Studien mit Solanezumab waren zuvor allerdings grandios gescheitert, bei der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA bescheinigte ein Mitarbeiter dem Mittel inoffiziell das Schicksal eines "Schneeballs an einem sehr heißen Ort".

Doch die beteiligten Forscher fanden in den Daten doch noch einen winzigen Effekt und setzten die Studie bei Patienten mit milden Alzheimersymptomen fort. Gerüchte von einem Erfolg machten bald die Runde.

Nach der Präsentation hörte man sie sagen: "Das ist es!"

Als die ersten Ergebnisse der verlängerten Studie in diesem Jahr auf einer Konferenz vorgestellt werden sollten, war die Spannung gewaltig, der Saal während des Vortrags überfüllt. "Man hätte eine Stecknadel fallen hören können", erinnert sich Christian Haass von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Wie Haass besuchten viele Molekularbiologen das Ereignis, aber es waren auch Kliniker dabei, Ärzte, die der biomedizinischen Alzheimerforschung zuletzt nicht mehr viel Vertrauen entgegengebracht hatten.

Nach der Präsentation hörte man sie nun sagen: "Das ist es." Der Antikörper schien den Verlauf der Krankheit tatsächlich zu bremsen. Und zwar umso stärker, je mehr man dem Patienten von dem Präparat verabreichte - normalerweise ein klares Zeichen für eine Wirkung. Ein paar Monate später sind aber wichtige Fragen immer noch nicht beantwortet: Welche Wirkung ist das, und wie groß kann sie sein, wenn man mit dem gleichen Mittel in anderen großen Studien keinen Erfolg hatte? Kann der Antikörper Alzheimer tatsächlich stoppen?

Haass glaubt fest daran, dass der beobachtete Effekt von großer Bedeutung ist. Andere Neurowissenschaftler bleiben kritisch. Sie sehen in den Ergebnissen nicht die lang ersehnte Waffe gegen Alzheimer, aber einen Beweis dafür, dass man an der richtigen Schraube dreht. Was auch wichtig ist, denn es geht immer noch darum, die Krankheit überhaupt erst mal zu verstehen.

Die Rolle der Plaques, dieses Verdächtigen am Tatort, war völlig nebulös

Obwohl Alois Alzheimer bereits vor mehr als 100 Jahren die typischen Plaques und Faserbündel in den Gehirnen der Kranken fand und beschrieb, fehlten lange Zeit die Techniken, die auffälligen Ablagerungen und ihre Entstehung zu untersuchen. Die Rolle dieser Plaques, dieses Verdächtigen am Tatort, war völlig nebulös. Richtig erforscht werden sie erst seit 30 Jahren, also gerade so lange wie Aids.

So schrieben George Glenner und Caine Wong von der University of California in San Diego noch 1984 über den Morbus Alzheimer: "Es gibt keinen diagnostischen Test oder eine Therapie. Ein experimentelles Tiermodell existiert nicht und die Pathogenese ist unbekannt." Die beiden Forscher beschrieben in jenem Jahr als Erste den geheimnisvollen Bestandteil der Plaques - ein neues, zuvor unbekanntes Eiweiß, das sogenannte Amyloid-Eiweiß.

Der deutsche Molekularbiologe Konrad Beyreuther von der Universität Köln, der dieses Eiweiß fast gleichzeitig entdeckte, schrieb in einer gemeinsamen Arbeit mit dem australischen Forscher Colin Masters, es sei nicht bekannt, ob die Amyloid-Plaques dem Absterben der Nervenzellen im Gehirn vorausgehen oder lediglich folgen. In derselben Arbeit spekulierten die beiden Forscher bereits darüber, ob der Bestandteil der Ablagerungen möglicherweise infektiös sei. So ähnlich wie beim Rinderwahn.

Manche Ärzte weigern sich, eine Demenz als schwerstmöglichen Schicksalsschlag zu betrachten

Das Ansteckungsgerücht hat sich bis heute gehalten, wie die Nature-Studie im September gezeigt hat. Nicht, weil es tatsächlich eine Übertragungsgefahr gibt, sondern weil die Rolle der Amyloid-Klumpen immer noch ungeklärt ist. Insbesondere deutsche Alzheimerforscher haben Jahre darüber gestritten, wer nun der Auslöser der Krankheit ist: das Eiweiß der Plaques oder das Eiweiß in den Faserbündeln der sterbenden Nervenzellen. Zur Antwort auf diese Frage hat die Antikörper-Studie wohl ihren Beitrag geleistet. Denn wenn der Antikörper gegen das Plaque-Amyloid einen Effekt zeigt, dann muss dieses Eiweiß zumindest die richtige Zielscheibe sein.

Es wird noch viele Jahre dauern, bis weitere Studien entscheidende Einblicke liefern und eine erfolgreiche Therapie ermöglichen. Was aber bleibt den Angehörigen der Kranken, die sich Sorgen um Oma oder Opa machen oder unter dem schleichenden Persönlichkeitsverlust einer geliebten Person leiden - und sich auch selber fürchten?

Jeder zweite Deutsche hat laut einer aktuellen Umfrage Angst davor, später im Leben dement zu werden. Wie häufig und erschreckend diese Krankheit ist, zeigen auch die prominenten Schicksale. Aufsehen erregte dieses Jahr die Nachricht von der Alzheimer-Erkrankung der Fußballlegende Gerd Müller. Und viele erschreckte es, als sich der deutsche Lebemann Gunter Sachs im Angesicht seines unausweichlichen Schicksals sogar das Leben nahm.

Es gibt einen Bereich der Forschung, der die Demenz nicht als Krankheit sieht

Manche Forscher und vor allem Ärzte weigern sich inzwischen, eine Demenz als den schwerst möglichen Schicksalsschlag zu betrachten, der eine lebenswerte Existenz unmöglich mache. Auch Christian Haass sagt, man könne nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass sich Alzheimerkranke unwohl fühlen. "Es ist daher ungemein wichtig, auch in die psychosoziale Forschung zu investieren."

Es gibt zudem einen Bereich der Forschung, der die Alzheimer'sche Demenz nicht primär als Krankheit sieht, sondern als reguläres Phänomen des Alterns. Dort wurden in den vergangenen Jahren wohl die wichtigsten Erkenntnisse dazu geliefert, wie man der Demenz vorbeugen kann. Man weiß inzwischen, dass Lebensstilfaktoren wie Übergewicht, Diabetes, Bewegungsarmut und ganz besonders das Rauchen den Alterungsprozess beschleunigen - und damit Alzheimer begünstigen. Ähnliches gilt für unbehandelte Depressionen, die als massiver Risikofaktor gelten.

Manche Ärzte raten zu Neugier und geistiger Beweglichkeit. Die sind nun weniger leicht zu planen als die tägliche Fahrt mit dem Fahrrad. Vor allem Neugier ist mehr Wesenszug als Übungssache. Doch wenn sich alle darum bemühten, ließe sich wahrscheinlich ein Drittel aller vorhergesagten Demenzen verhindern. Das wären mehr als eine Million Fälle allein in Deutschland. Viel mehr würde auch ein ordentliches Medikament kaum schaffen.

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Quelle:
SZ vom 19.12.2015/fehu
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