Psychiatrie Sind wir nicht alle ein bisschen irre?

Collage: Christian Tönsmann

Mit unfassbaren Gewalttaten konfrontiert, wird gerne nach der Grenze zwischen psychischer Krankheit und Gesundheit gefragt. Doch vielleicht gibt es sie gar nicht.

Von Christian Weber

Fragt der Arzt den Patienten: "Leiden Angehörige von Ihnen unter psychischen Störungen?" Antwortet der Patient: "Wieso leiden?" Der Witz mag politisch nicht ganz korrekt sein, aber er illustriert das Problem: Es kommt vor, dass psychisch kranke Menschen ganz zufrieden sind. Eine Hypomanie, also eine leichte emotionale Störung mit gehobener Stimmung und starkem Antrieb, muss ein recht angenehmer Zustand sein. Mitglieder von Asperger-Initiativen bekunden Stolz auf ihr Anderssein, manche Schizophrene unterhalten sich gern mit den Stimmen, die sie hören. Erste Einsicht: Psychische Störungen lassen sich nicht allein über das subjektive Empfinden von Leid definieren.

Es klingt wie eine simple Frage, doch Psychiater und Philosophen beißen sich seit Jahrzehnten die Zähne aus an ihr: Was überhaupt ist eine psychische Krankheit? "Leider gibt es in der Wissenschaft keinen Konsens darüber", sagt Thomas Schramme, der bis zu diesem Sommer Praktische Philosophie an der Universität Hamburg gelehrt hat. "Deshalb reden Psychiater offiziell lieber von psychischen Störungen." Was die Sache nicht besser macht.

Wenn die Wahrnehmung sowie das Denken, Fühlen, Verhalten oder die sozialen Beziehungen krankhaft beeinträchtigt sind und nicht mehr kontrolliert werden können, dann liege eine psychische Störung vor, heißt es in den Lexika. Die Crux liegt im Wort "krankhaft". Man wird sich darauf einigen können, dass ein Mensch krank ist, wenn er in depressiver Erstarrung nicht mehr in der Lage ist, sich die Zähne zu putzen. Oder wenn er im Wahn glaubt, dass Aliens seine Gedanken abhorchen. Doch das sind die Extreme.

Wo aber zieht man die Grenze? Wann wird aus normaler Traurigkeit eine bösartige Depression? Wann darf man den launischen Chef einen Borderliner nennen? Ist das Mädchen nur schüchtern, oder leidet es unter sozialer Phobie?

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Bei solchen Fragen helfen auch die Bibeln der Psychiatrie nur wenig, die Diagnosekataloge DSM-5 der American Psychiatric Association und ICD-10 von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Laut DSM besteht, verkürzt dargestellt, eine Depression, wenn mindestens zwei Wochen fünf der folgenden Symptome vorliegen: (1) Depressive Verstimmung, (2) keine Freude an Aktivitäten, (3) verminderter Appetit, (4) Schlafstörungen, (5) psychomotorische Auffälligkeiten, (6) Müdigkeit, (7) Schuldgefühle, (8) gestörte Konzentration, (9) Suizidalität. Der Arzt muss nur abhaken.

Aber darf ein einziges Häkchen wirklich entscheiden, ob eine seelische Erkrankung vorliegt? Dann hängt die Diagnose womöglich davon ab, ob etwa die Ausgeh-Unlust des Partners nur als Faulheit verstanden wird oder bereits als Symptom nach Punkt 2 der Checkliste?

Das ist umso heikler, als man bislang keine klaren biologischen oder neuronalen Merkmale für psychische Krankheiten hat, obwohl es sie natürlich geben muss und Forscher derzeit intensiv nach ihnen suchen. Sollten sie mal Erfolg haben, ist es unwahrscheinlich, dass die bisherigen, rein symptombasierten Kategorien zu halten sind.

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