Herzinfarkte:Entwarnung im Bett

  • Die Annahme, dass Sex zum Herzinfarkt führen kann, ist weitverbreitet.
  • Forscher zeigen nun, dass diese Befürchtung lediglich ein Mythos ist.
  • Nur verbunden mit anderen Erkrankungen könne es gefährlich werden.

Von Werner Bartens

Sex ist nicht gefährlich, jedenfalls nicht für das Herz. Zwar hält sich hartnäckig der Mythos, dass die plötzliche Anstrengung beim Liebesspiel zu viel sein und zum Infarkt führen kann. Der "mors in coitu" hat aber wohl besonders die Fantasie von Künstlern, Literaten und das schlechte Gewissen in fremden Betten angeregt. Wissenschaftlich belegen lässt sich das erhöhte Risiko nämlich nicht. Das zeigen Epidemiologen von der Universität Ulm im Fachmagazin Journal of the American College of Cardiology vom heutigen Dienstag (Bd. 66, S.1516, 2015).

Die Wissenschaftler um Dietrich Rothenbacher haben die Liebesgewohnheiten von 536 Infarkt-Patienten im Alter zwischen 30 und 70 Jahren erhoben; mehr als 85 Prozent der Probanden waren Männer. Dabei zeigte sich, dass nur drei Probanden (das entspricht 0,7 Prozent) in der Stunde vor der Herzattacke Sex hatten. Bei der großen Mehrheit von 78,1 Prozent lag der letzte Geschlechtsverkehr mehr als 24 Stunden zurück, bei den anderen noch länger, sodass Sex als Auslöser für den Infarkt nicht infrage kommt. Als kritisch werden die letzten zwei Stunden vor einem Infarkt gesehen. "Unseren Daten zufolge ist es sehr unwahrscheinlich, dass sexuelle Aktivität ein relevanter Auslöser für einen Herzinfarkt ist", sagt Dietrich Rothenbacher. Die Ängste aber bestünden fort. "Weniger als die Hälfte der Männer und ein Drittel der Frauen sprechen nach einem Infarkt mit ihrem Arzt über Sex. Es ist wichtig, dass man ihnen versichert, dass sie sich keine Sorgen machen müssen und ihre übliche sexuelle Aktivität wieder aufnehmen können."

So anstrengend wie ein zügiger Spaziergang

Die körperliche Aktivität beim Sex wird üblicherweise mit der Anstrengung verglichen, die es erfordert, Treppenstufen über zwei Etagen zu nehmen oder einen zügigen Spaziergang zu machen. Wer dabei keine Mangeldurchblutung der Herzkranzgefäße oder Rhythmusstörungen aufweist, muss sich auch beim Sex keine Sorgen machen. 2011 kamen Forscherinnen aus Boston im Fachmagazin JAMA bereits zu dem Schluss, dass die Gefahr, beim Sex den Herztod zu erleiden, als sehr gering einzustufen ist. Eine Auswertung der Todesursachen von 10 000 Männern zeigte 1996, dass nur bei 43 von ihnen plötzlicher "Stress" der Auslöser war - bei drei von ihnen kam es während des Geschlechtsakts zum Exitus.

Trotzdem halten blumige Schilderungen den Mythos von der gefährlichen Liebschaft aufrecht, etwa die über Dänenkönig Frederik VIII. Der Legende nach erlitt der Monarch 1912 auf der Durchreise in Hamburg einen Schwächeanfall. Offenbar ereilte den 68-Jährigen der Herzinfarkt während eines Bordellbesuchs. Um ihm Hohn und Spott zu ersparen, trugen die Prostituierten den dänischen König angeblich noch auf den Gänsemarkt, wo er kurz darauf starb.

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