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Medizin:"Ungefähr zwölf Millionen Amerikaner sind von Armutserkrankungen betroffen"

Allerdings warnt der Kinderarzt selbst noch vor voreiligen Schlüssen. "Der direkte Zusammenhang zwischen diesen Erkrankungen und der Schulleistung ist noch nicht vollends nachgewiesen", sagt Hotez. Bisher wisse man nur, dass die Infektionen arme Menschen häufiger treffen als reiche. Man wisse auch, dass sie öfter vorkommen als gedacht: "Ungefähr zwölf Millionen Amerikaner sind von mindestens einer der vernachlässigten Armutserkrankungen betroffen", sagt Hotez. Vernachlässigt heißen sie, weil noch immer zu wenig Geld in deren Erforschung und Bekämpfung investiert wird. Vernachlässigt nennt man sie aber auch, weil die Infektionen Menschen treffen, die unter schlechten hygienischen Bedingungen leiden und kaum Zugang zu medizinischer Versorgung haben.

So wie die unzähligen Obdachlosen in Houston, die Zeltstädte aufgebaut haben, unweit vom Büro des Tropenmediziners Hotez in den glitzernden Hochhaustürmen des Texas Medical Center. Viele der bunten Zelte sind halb zerrissen, kaputte Fahrräder lehnen gegen Betonpfeiler, und Menschen sitzen im Staub und starren ins Nichts. Gelegentlich torkelt einer der Obdachlosen auf die Straße, einen zerknautschten Pappbecher in der Hand, mit dem er die Autofahrer um ein paar Cent bittet.

Armut ist in den USA weit verbreitet, jeder achte Amerikaner ist davon betroffen, vor allem Schwarze und Latinos. Im Jahr 2014 etwa verdienten afroamerikanische Haushalte im Durchschnitt fast 30 000 Dollar weniger als weiße. Im Jahr 2016 lebten mehr als 30 Prozent der Kinder von Latinos und Schwarzen unter der Armutsgrenze, unter den weißen Kindern waren es nur gut zehn Prozent.

Neunmal mehr weiße als schwarze Viertklässler erreichten ein "fortgeschrittenes" Mathe-Niveau

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lang kann ein ausgewachsener Schweinebandwurm werden. Er lebt im Darm des erkrankten Menschen und ist bis zu 1,5 Zentimeter breit. Am seinem Kopf befinden sich neben vier Saugnäpfen auch zwei Hakenkränze, mit denen er sich an der Darmschleimhaut anheftet. Bleibt der Patient unbehandelt, kann ein Schweinebandwurm mehrere Jahre alt werden. Im Laufe seines Lebenszyklus - vom Ei über die Larve zum ausgewachsenen Bandwurm - infiziert er, je nach Stadium, mal Schweine und mal Menschen.

Armut und ethnische Herkunft schlagen sich in den Schulnoten nieder, wie Ergebnisse des nationalen Zentrums für Bildungsstatistiken (NCES) verdeutlichen. Das NCES testet alle zwei Jahre fast 200 000 Schüler in Mathematik und Lesen und teilt deren Leistungen in vier Kategorien ein: "fortgeschritten", "kompetent", "grundlegend" und "nicht einmal grundlegend". Bei dem Test werden die Ethnie erfasst und der Bildungsstand der Eltern. Zusätzlich fließt in die Analyse ein, ob die Kinder berechtigt sind, umsonst in der Schulkantine zu essen. Dadurch soll zwischen sozial besser und schlechter gestellten Kindern unterschieden werden. Umsonst darf nur essen, wer arme Eltern hat.

In der neuesten Erhebung aus dem Jahr 2015 zeigte sich, dass von den Viertklässlern jeder dritte Schwarze "nicht einmal grundlegende" Kenntnisse im Rechnen aufwies. Im Gegensatz dazu erreichten neunmal mehr weiße als schwarze Kinder ein "fortgeschrittenes" Mathe-Niveau. Schwarze Kinder aus reicheren Familien schnitten besser ab als ihre armen schwarzen Mitschüler: Sie erreichten dreimal so oft ein "fortgeschrittenes" Niveau.

Die Einkommensunterschiede seien für die Schulleistung wichtiger als die Hautfarbe, sagt zumindest Sean F. Reardon, Professor für Armut und Ungleichheit in der Bildung an der Stanford University. Im Buch "Whiter Opportunity" errechnete er aus anderen Daten die Unterschiede in der Schulleistung der reichsten und ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung. Die fielen doppelt so groß aus, so Reardon, wie die Unterschiede, die sich bei Auftrennung in schwarzer und weißer Hautfarbe ergaben.

Laut WHO sind 1,5 Milliarden Menschen mit Hakenwürmern, Spulwürmern oder Peitschenwürmern infiziert

Ab sofort kommen zur Armut und ethnischen Herkunft noch die chronischen Infektionen als mögliche Ursache für die Unterschiede in den schulischen Leistungen hinzu. Die Erkrankungen könnten sogar einer der Faktoren sein, die Armut und Hautfarbe kausal mit der Schulleistung verknüpfen. Leicht zu beweisen ist das nicht. "Alles scheint mit allem zusammenzuhängen", sagt Charles Basch, Professor für Erziehungswissenschaft und Gesundheit an der Columbia University. "Bislang jedoch haben wir die Gesundheit in dieser Gleichung vernachlässigt."

Peter Hotez wünscht sich daher, dass an Schulen intensiver nach Armutserkrankungen gesucht wird, um infizierte Kinder zu behandeln. Damit zumindest kein Parasit oder Virus die Schüler in ihren Leistungen ausbremsen kann. Weder in den USA, noch irgendwo anders.

Denn auch im Rest der Welt lassen sich Armut, Gesundheit, Schulnoten und damit der spätere Erfolg im Beruf nicht voneinander trennen. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist ein Viertel der Weltbevölkerung, ganze 1,5 Milliarden Menschen, mit Hakenwürmern, Spulwürmern oder Peitschenwürmern infiziert. Hakenwürmer saugen Blut an der Darmschleimhaut, Spulwürmer essen Kindern im Dünndarm die Nahrung weg oder verursachen Durchfall. Die Infizierten leiden deshalb an Blutarmut und es mangelt ihnen an Nährstoffen. In Regionen, in denen Nahrung knapp ist, verschlimmern diese Würmer die Mangelernährung. Und gerade das junge Gehirn braucht viele Nährstoffe, um sich gesund zu entwickeln. Damit die Kinder eine Zukunft haben.

Die Recherche in den USA wurde finanziell durch ein Stipendium der Sir-Hugh-Carleton-Greene-Stiftung unterstützt.

© SZ vom 20.01.2018/jhs
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