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Medizin:Bleiben die Türen offen, sinkt die Zahl der Zwischenfälle

Geschlossene Stationen seien unbedingt notwendig - so behaupten die Protagonisten, schon um das Suizid- und das Weglaufrisiko zu verringern. Anscheinend entweichen aber die meisten Menschen aus geschlossenen Stationen während genehmigter Ausgänge. Außerdem gibt es auch auf internistischen und chirurgischen Krankenhausstationen Patienten, die ein erhebliches Suizidrisiko haben - ohne dass jemand dort auf die Idee käme, deswegen die Tür abzuschließen. Gesicherte Erkenntnisse, ob geschlossene Stationen überhaupt hilfreich sind, fehlen weitgehend: Für diese bedeutenden Versorgungsfragen gibt es keine evidenzbasierten Aussagen - ein Armutszeugnis.

Aber es gibt eine ganze Reihe von Beispielen aus ganz Deutschland, die seit Jahrzehnten belegen, dass man in der Psychiatrie auf geschlossene Stationstüren komplett verzichten kann, etwa in Memmingen, Landsberg, Herne, Heidenheim, Hamm. Bleiben die Türen offen, dann sinkt das Weglaufrisiko ebenso wie die Zahl der Zwischenfälle auf den Stationen. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass sich die gefühlte Entwertung noch einmal vergrößert, wenn hinter einem psychisch kranken Menschen die Tür zugeschlossen wird.

Atmosphäre der Verzweiflung

Wer kann schon darauf vertrauen, dass geschlossene Stationen gute Genesungsorte sind? Zumal durch die Konzentration von zwangsuntergebrachten Menschen auf einer geschlossenen Station eine Atmosphäre entsteht, in der sich Verzweiflung, Selbstbeschädigungen, fremdaggressives Verhalten und Lautstärke wechselseitig hochschaukeln.

Durch den Türschluss nimmt die ohnehin vorhandene Spannung noch einmal zu. Nicht selten ist zu beobachten, dass zwangsuntergebrachte Menschen mit dem Türschloss auch noch die letzten Hemmungen fallen lassen. Auslöser von Gewalt und Anreiz zum Weglaufen sind nicht selten die geschlossene Stationstür selbst und die autoritäre Verweigerung von Wünschen: Das, was verboten ist, das macht uns gerade scharf.

Gar nicht verständlich ist die verbreitete Praxis, psychisch kranke Menschen mit einem akuten Suizidrisiko auf eine geschlossene Station zu verlegen. Die Suizidgefahr kann nicht gesenkt werden durch geschlossene Stationstüren. Im Gegenteil: Was einzig hilft, ist die kontinuierliche therapeutische Begleitung. Und genau die wird durch offene Stationstüren erleichtert. Ein Mensch, der von Suizidimpulsen gequält ist, empfindet eine geschlossene Station eher als Stigmatisierung und Ausdruck therapeutischer Resignation, denn als Hilfe: Der ohnehin drohende Abbruch der Beziehungen zur Außenwelt bei einem akut suizidalen Menschen wird so noch verstärkt.

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Offene Türen dagegen verändern das Verhalten bei allen Beteiligten: Patienten werden durch offene Türen in ihrer Eigenverantwortlichkeit gefördert. Bei den Mitarbeitern wird die Bereitschaft gestärkt, sich ununterbrochen mit dem einzelnen Menschen zu befassen, ihm ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und Akzeptanz für notwendige Begrenzungen zu erreichen. Bei offenen Türen wird ein Patient nicht länger zu einer vordergründigen Anpassungsleistung gezwungen, damit er die Station verlassen kann. Stattdessen müssen Mitarbeiter echte Überzeugungsarbeit leisten, damit der Patient bleibt und die Behandlung akzeptiert.

Eine solche Art der Begegnung zwischen psychiatrisch Tätigen und Patienten ist Grundvoraussetzung für wechselseitiges Vertrauen und Achtsamkeit. Die bisherigen Erfahrungen und der neueste Kenntnisstand zeigen eindeutig, dass die Unterbringungspraxis psychisch kranker Menschen auf geschlossenen Stationen revidiert werden muss: Legen wir also den Schlüssel beiseite.