Tinnitus Etliche Ärzte traktieren die Patienten mit Infusionen - obwohl nicht bewiesen ist, dass das hilft

Die Ohrgeräusche bei Tinnitus können ausgelöst werden durch Lärmschäden, Hörstürze oder sich schleichend entwickelnde Hörstörungen. Oft sind sie allerdings Folge von zu vielen Belastungen. Im gesunden Zustand ist das Gehirn in der Lage, Störgeräusche zu ignorieren und im Wortsinne zu überhören. So hören Menschen nicht ständig ihren eigenen Herzschlag oder Blutfluss. Bei Schlafmangel, chronischem Stress oder Depressionen verliert der Körper jedoch die Fähigkeit, die lästigen Umgebungslaute wegzufiltern.

Manchmal ist Tinnitus für die Patienten deshalb das erste Symptom einer psychischen Krise. Bei 90 Prozent der schwer von Tinnitus betroffenen Patienten liegt eine psychische Begleiterkrankung vor, zumeist eine Angststörung oder eine Depression. "Das ist ein Teufelskreis, wenn depressive Patienten gerade die Aktivitäten vermeiden, die Spaß machen und bei denen sie nicht mehr die Aufmerksamkeit auf den Tinnitus richten würden", sagt Stattrop. "Hier muss man versuchen, die Patienten wieder zu bestimmten Tätigkeiten zu aktivieren." Manchmal können in solchen Fällen Antidepressiva helfen. Ansonsten droht das größte Risiko bei gleichbleibend schwerem Tinnitus: eine dauerhafte Hörminderung.

Nach psychosomatischer Lesart wird Tinnitus weniger körperlich, sondern vor allem verhaltenstherapeutisch behandelt. Es geht darum, belastende Faktoren im Alltag zu verringern und Auslöser zu erkennen und zu vermeiden. Patienten sollten versuchen, sich an den Dauerton zu gewöhnen - in der Hoffnung, es irgendwann nicht mehr als störend oder vielleicht gar nicht mehr zu empfinden.

Auch wenn gute Kliniken und Ärzte auf die gleichermaßen körperliche wie seelische Betreuung ihrer Patienten setzen, zeigen die vielfältigen Therapieversuche der jüngsten Vergangenheit, wie schwer der Erkrankung beizukommen ist - und welche medizinischen Moden die Betroffenen schon über sich ergehen lassen mussten.

Etliche Ärzte sehen die Ursache für Tinnitus in einer Mangeldurchblutung des Innenohrs und traktieren die Patienten daher mit Infusionen, wahlweise angereichert mit durchblutungsfördernden Mitteln. In Studien konnte bisher nicht belegt werden, dass die Volumengabe die Beschwerden der Patienten lindert. Ähnlich populär ist die Vermutung, eine chronische Entzündung würde die Symptome hervorrufen. Kortison-Präparate und andere abschwellende Medikamente werden daher noch immer verordnet, auch wenn hier ebenfalls der Beleg dafür fehlt, dass die Behandlung bei einem chronischen Leiden wirksam ist.

In der akuten Phase, zu Beginn der Erkrankung, kann Kortison hingegen durchaus hilfreich sein. Pflanzenpräparate sind zwar bei vielen Patienten beliebt, besonders Ginkgo-Extrakte, doch ihr Nutzen ist ebenso wenig bewiesen wie der von Zink, Vitaminen oder Melatonin. In Leitlinien zur Therapie von Tinnitus wird dies ausdrücklich betont - wie auch der Hinweis, dass die Injektion der genannten Präparate ins Trommelfell nichts nutzt, sondern eher schadet.