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Medizin:Welche Risiken sind für Studienteilnehmer noch zu vertreten?

Auch Kremsner möchte helfen, einen weiteren Malaria-Impfstoff zu entwickeln. Und seit es vor einigen Jahren erstmals gelang, die Malariaerreger im Labor zu züchten und einzufrieren, braucht er dafür keine Mücken mehr. Andere Forscher unternahmen Versuche, bei denen die Erreger in den Muskel oder unter die Haut gespritzt wurden. Kremsner entschied sich, sie direkt in die Vene zu injizieren. Das waren die Experimente, mit denen er vor fünf Jahren in Tübingen begonnen hatte. Erst spritzte er Probanden 50 Sporozoiten, später 200, dann 800. Bei 3200 schließlich erkrankten alle Personen.

Inzwischen testet Kremsner verschiedene Impfstoffe. Ein Ansatz ist es, Menschen abgetötete Malariaerreger zu spritzen. Diese lösen offenbar eine starke Antwort des Immunsystems aus. Denn wenn Kremsner den Teilnehmern einige Monate später die lebenden Sporozoiten spritzt, bricht bei ihnen keine Malaria aus. Solche Experimente seien viel aussagekräftiger als immer weiter an Tieren zu forschen, sagt Kremsner. "Viel zu viel Forschung bleibt im Tierversuch stecken", sagt er. "Wie häufig haben wir Malaria schon in Mäusen geheilt?" Der Forscher ist nicht prinzipiell gegen Tierversuche. Er ist nur enttäuscht von ihrer Aussagekraft in seinem Arbeitsgebiet. Zu häufig seien Impfstoffe oder Medikamente in Tieren hoch wirksam, versagten aber beim Menschen. "Wir sollten uns sehr viele Tierversuche sparen", sagt er. "Man kann viel mehr Menschenversuche machen."

40 Prozent

der Menschen auf der Welt leben in Gebieten, wo die Malaria vorkommt - in den tropischen und subtropischen Regionen aller Kontinente, nur Australien ist frei vom Erreger. Am stärksten betroffen mit etwa 90 Prozent der Fälle ist Afrika. Insgesamt erkranken weltweit etwa 200 Millionen Menschen pro Jahr, davon sterben gut 400 000; die meisten von ihnen sind Kinder unter fünf Jahren. Nach Deutschland wurden in den vergangenen Jahren meist 500 bis 600 Malaria-Fälle eingeschleppt, 2015 passierte das mehr als tausend Mal.

Sie führen allerdings zu größeren ethischen Fragen: Welche Risiken sind für Studienteilnehmer noch zu vertreten? Relativ unproblematisch sind Versuche zu nicht-tödlichen Krankheiten wie etwa der Noroviren-Infektion. In Versuchen mit Influenzaviren werden lediglich schwache Stämme genutzt. Doch Infektionsversuche mit Malaria-Erregern sind schon problematischer, die Krankheit kann unbehandelt zum Tode führen. Allerdings lassen sich die Parasiten bereits eine Woche vor Ausbruch der Krankheit im Blut nachweisen; und eine weitere Woche dauert es, bis sie einen schwerem Verlauf nehmen kann. "Wir haben also ein Fenster von zwei Wochen, wo man das stoppen kann", sagt Peter Kremsner. Er sorgt sich eher über Studienteilnehmer mit suizidalen Absichten. "Wenn jemand verreist oder untertaucht oder sich einfach nicht mehr meldet, dann haben wir alle ein Problem. Er selbst das größte, aber es wäre auch für uns eine Katastrophe." Darum haben die Studienleiter nicht nur Kontakt mit den Teilnehmern, sondern auch mit deren Angehörigen. Und für den schlimmsten Fall steht die Polizei bereit, "Wenn so etwas auftritt, dann würden wir eine Fahndung starten", sagt Kremsner.

Die Ethikkommission hatte noch eine andere Frage, ehe sie die Versuche genehmigte: Könnte Kremsner mit seinen Infektionen ungewollt die Malaria nach Deutschland zurückbringen? Was, wenn eine der infizierten Freiwilligen von einer Mücke gestochen wird, die in der Lage ist, die Einzeller weiterzugeben? "Wir haben zwar in Deutschland noch Anophelesmücken, die zumindest unter den allerbesten Laborbedingungen dazu in der Lage wären", gesteht Kremsner. Selbst das sei jedoch keine Gefahr, weil der Parasit erst nach einer Woche aus der Leber in das Blut übergehen würde. So weit kommt es jedoch nicht, weil in den Studien schon deutlich vor diesem Zeitpunkt therapiert wird.

So vielversprechend der Challenge-Ansatz auch ist, bei jeder Krankheit müssen die Risiken neu abgewogen werden. So sind Forscher sich einig, dass man auf diese Weise nicht nach Impfstoffen gegen HIV suchen sollte. Aber schon bei der Cholera befindet man sich im ethischen Graubereich. Zwar lässt sich die Durchfallerkrankung in der Regel leicht behandeln, man muss einfach die Flüssigkeitsverluste ausgleichen. Infektionsversuche mit Vibrio cholerae wurden in den vergangenen Jahren genutzt, um einen neuen Impfstoff zu entwickeln. Aber die Krankheit löst einen heftigen Durchfall aus, bei dem die Patienten bis zu 20 Liter Flüssigkeit am Tag verlieren. "Das ist schon an der Grenze", sagt Arthur Caplan, Bioethiker an der New York University.

Zumindest für manche Krankheiten gibt es Lösungen. So versucht derzeit etwa Meta Roestenberg von der Universität Leiden, die Bilharziose in den Griff zu bekommen. Würmer der Gattung Schistosoma lösen diese weit verbreitete Tropenkrankheit aus. Eine kontrollierte Infektion galt lange als tabu, weil die Tiere sich im Menschen paaren und dann Eier legen, die chronische Schäden in der Leber und anderen Organen verursachen. Roestenberg will das verhindern, indem sie ihre Testpersonen nur von Männchen infizieren lässt. Eine Mitarbeiterin deponiert einfach mit der Pipette ein paar Tropfen auf der Haut, und dann dringen die winzigen Würmer in den Körper ein.

Bleibt die Frage, wie man Menschen für die Teilnahme an solchen Prozeduren gewinnt. Das Honorar muss hoch genug sein, damit überhaupt jemand mitmacht, sagt Caplan. "Aber es darf auch nicht so viel Geld sein, dass die Menschen blind werden für die Risiken." Kremsners Versuchspersonen erhalten zwischen 1000 und 3000 Euro Aufwandsentschädigung.

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