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Medizin:Vergleich mit Gold, Platin oder Diamanten

"Diese Analyse ist nicht leicht zu entkräften, denn die Autoren berücksichtigen auch Kosten der Firmen für fehlgeschlagene Experimente und billigen Präparaten selbst dann hohe Entwicklungskosten zu, wenn es sich nur um kostengünstige Nachahmer-Produkte handelt", sagt der Pharmaexperte Merrill Goozner. "Das zeigt, dass die Preispolitik der Pharmafirmen längst unabhängig von den tatsächlichen Kosten für Forschung und Entwicklung ist." Für den Autor des Buches "The $800 Million Pill" ist die Schlussfolgerung eindeutig: "Politiker können beruhigt die Preise für Arzneimittel einschränken - sie müssen keine Angst haben, dadurch Innovationen auf dem Pharmamarkt zu behindern."

In der Diskussion um "Mondpreise" und unanständige Gewinnspannen der Pharmabranche ist es in Deutschland längst üblich, die Kosten der Krebsmedikamente mit Gold, Platin, Diamanten oder Plutonium zu vergleichen. Der Preis pro Gramm liegt bei etlichen Arzneimitteln gegen Krebs längst um das Hundertfache höher als jener der Edelmetalle und anderer kostbarer Substanzen. Verkauft wird die Hoffnung auf Heilung von schwerem Leid, nicht der Gegenwert für die Substanzen oder ihre Herstellung.

Mindestens so ärgerlich wie die Preisgestaltung ist für Ärzte wie Patienten, dass viele der neuen Krebspräparate nur von fragwürdigem Nutzen sind. Die hohen Preise sind so gut wie nie durch eine überragende Wirksamkeit gerechtfertigt. "Aus wissenschaftlicher Sicht macht die Krebsmedizin zwar gerade spannende Zeiten mit vielen interessanten Neuentwicklungen durch", sagt der Berliner Krebsarzt Wolf-Dieter Ludwig, der zudem die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft leitet. "Aber der Nutzen für Patienten ist oft nur marginal oder durch schwere Nebenwirkungen erkauft."

"Diese Behandlung oder doch lieber ein nagelneuer Maserati Quatroporte?"

Ein Symposium zu Ludwigs Ehren stand vergangene Woche denn auch im Zeichen der neuen Krebstherapien und ihrer Kosten. Aufschlussreich waren die Ausführungen von Josef Hecken, dem Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), der darüber entscheidet, welche Therapien und Untersuchungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Die Hälfte von 30 neuen onkologischen Wirkstoffen in Deutschland kostet mehr als 100 000 Euro jährlich pro Patient; sogar die günstigsten kommen noch auf 30 000 Euro jährlich oder mehr.

Patienten können allerdings nur von zehn der 30 Mittel eine Verlängerung der Lebenserwartung um fünf Monate erwarten, die übrigen bringen zwischen vier Wochen und drei Monaten - unter teils erheblichen Nebenwirkungen. "Wenn wir im G-BA den Nutzen bewerten, zeigt sich oft, dass nur in Untergruppen überhaupt eine klinisch relevante Verlängerung der Überlebenszeit erreicht wird", sagt Hecken. "Das sind dann meist weniger als sechs Monate bei sehr hohen zusätzlichen Therapiekosten."

Der Krebsmediziner Antonio Pezzutto von der Berliner Charité erinnerte angesichts der Milliardenumsätze mit Krebsmitteln daran, dass allein in Afrika zehn Staaten ein Bruttoinlandsprodukt von sechs Milliarden Euro aufweisen und damit unter den Einkünften liegen, die Pharmamulti Roche mit einem einzigen Krebsmedikament wie Trastuzumab (Herceptin) oder Bevacizumab (Avastin) erzielt. "Bei den Jahreskosten für die Behandlung und dem bescheidenen Therapieerfolg mancher Mittel kann man sich fragen, wie sich Patienten entscheiden würden, wenn sie die Kosten selbst tragen müssten", gab Pezzutto zu bedenken. "Diese Behandlung oder doch lieber ein nagelneuer Maserati Quatroporte?"

"Änderung ist kaum in Sicht. Im Mai hat der G-BA dem Brustkrebsmittel Ibrance von Pfizer einstimmig attestiert, dass es keinen Zusatznutzen habe. Das Mittel mit jährlichen Behandlungskosten von 66 000 Euro führe bei 78 Prozent der Patientinnen zu heftigen Nebenwirkungen. Pfizer hat bereits weltweit 600 Millionen Euro mit Ibrance verdient, die Kassen in Deutschland haben es in Höhe von mehr als 17 Millionen Euro erstattet - weil die Zulassung europaweit bereits vergangenen Spätherbst erfolgte.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes war zu lesen, dass der G-BA das Brustkrebsmittel Ibrance als Kassenleistung ausgeschlossen habe. Dies ist jedoch bislang nicht der Fall. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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