Verhütung:Wer im Internet nach Verhütung sucht, landet zuverlässig auf Seiten der Pharmaindustrie

Zwei bis drei von 10 000 Frauen im gebärfähigen Alter, die keine Pille nehmen, erleiden innerhalb eines Jahres eine Thrombose. Die Gefahr, unter Einnahme der Antibabypille eine Thrombose zu bekommen, ist 1,5- bis zweimal so groß, wenn sie ein Präparat der 2. Generation nimmt, betrifft also vier bis sechs von 10 000 Frauen.

Die Pille der 3. und 4. Generation löst hingegen bei neun bis zwölf von 10 000 Frauen eine Thrombose aus. Rauchen Frauen und nehmen die Pille, ist ihr Risiko gar um das 20- bis 80-Fache erhöht. Was prozentual nach wenig klingt, ist bezogen auf die sechs bis sieben Millionen Frauen, die allein in Deutschland mit der Pille verhüten, jedoch eine beachtliche Anzahl. Wechseln immer mehr Frauen zu den neuen Präparaten, nehmen Komplikationen zwangsläufig zu.

Im "Pillenreport 2015", der vor Kurzem erschienen ist, zeichnen die Arzneimittelexperten Gerd Glaeske und Petra Thürmann nach, wie es dazu gekommen ist, dass die Pillen der 3. und 4. Generation von immer mehr jungen Frauen genommen wurden. Direkte Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel ist in Deutschland zwar verboten. Gibt man jedoch im Internet die Suchbegriffe "Pille", "Antibabypille" oder "Verhütung" ein, landet man zuverlässig unter den Top-Ten-Treffern bei Seiten von Pharmafirmen.

Dort geht es vordergründig darum, Frauen aufzuklären und ihnen Tipps zu geben. Es werden aber auch Themen angesprochen, die offenbar viele junge Frauen beschäftigen wie reine Haut, volle Haare und eine gute Figur. Fast alle Seiten sind als Angebote der Pharmafirmen zu erkennen oder anhand des Logos der Anbieter zu identifizieren - und nur wenige Klicks weiter kommt man auf Themen wie Beziehungen, Lifestyle und Schönheit.

Die Pharmaindustrie lenkt und stimuliert auf diese Weise das Verhalten der Frauen. Die hohe Akzeptanz der neuartigen Pillen führt zu dem Wunsch in der Arztpraxis, ein ganz bestimmtes Präparat zu bekommen. "Es gilt das Motto: Meine Freundin nimmt das auch", sagt Marie-Luise Dierks. "Das geschickte Marketing führt dazu, dass die Ärzte diese Pille bereitwillig verschreiben." Unter Ärzten gilt, dass jene Mittel, die bereits genommen und gut vertragen werden, auch beibehalten werden sollten.

Die Entscheidung für die Pille fällt bei den meisten Frauen bereits im Teenageralter. Die Mehrzahl bleibt bei "ihrem" Präparat bis zum Kinderwunsch - oder bis sie andere Umstände zwingen, das Mittel abzusetzen. Dass die Pillen, die mit höheren Risiken einhergehen, den Markt dominieren, hält Pharmakologin Thürmann für ein Versagen der Risikokommunikation. Andererseits scheint die Pharmaindustrie effektive Strategien gefunden zu haben, die Risiken geringfügig erscheinen zu lassen. "Die Hersteller von Pillen haben offenbar herausgefunden, wie man gerade für die Zielgruppe der jungen Frauen neue Medien nutzt, um diese spezifisch und mit ihrer Sprache zu erreichen", so Thürmann. "Warnhinweise von Behörden wie auch die Stimmen kritischer Ärzte und Wissenschaftler verhallen hingegen im Raum."

© SZ vom 05.12.2015
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