Verhütung:Give-aways für die Girlie-Generation

Bei den angepriesenen Beauty-Effekten gehe es beispielsweise darum, so Mühlhauser, wie viele Pusteln weniger im Gesicht zu finden sind. Es geht nicht um monströse Krater und Eiterpickel, sondern um kleine Unebenheiten der Haut. "Man hat mit dieser Pille keine strahlende Haut, sondern eben ein paar Pusteln weniger, vielleicht 35 statt 50", sagt die Ärztin. "Gibt man Frauen ein Scheinpräparat, ist das ganz ähnlich, dann haben sie statt 50 nur noch 40 Pusteln. Dieser angebliche Schönheitsnutzen, der ist gleich null."

Unter jungen Frauen nimmt der Marktanteil der Pillen der 3. und 4. Generation trotzdem stetig zu. Das ist einigermaßen rätselhaft, denn die Risikobewertung der Europäischen Arzneimittelbehörde hat eindeutig ergeben, dass die Präparate zu einem deutlich höheren Embolie- und Thromboserisiko führen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat im Frühjahr 2014 entschieden, dass in immer mehr Beipackzetteln auf die erhöhte Gefahr hingewiesen werden muss. Sonstige Konsequenzen bisher: keine.

Dem Antrag aus Frankreich, die Zulassung der Pillen komplett zurückzunehmen, wurde zwar nicht stattgegeben. Im Nachbarland wurde den Pillen der 3. und 4. Generation im Jahr 2013 die Erstattungsfähigkeit durch die Krankenkassen entzogen, sodass der Marktanteil dort um 45 Prozent zurückging. Nebeneffekt: Im selben Zeitraum mussten 28 Prozent weniger Frauen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren aufgrund von Lungenembolien in die Klinik.

"Es ist schon ein merkwürdiges Phänomen: Alle Risiken sind bekannt, alle Fakten liegen auf dem Tisch - und trotzdem muss man den Eindruck haben, als ob wir mit offenen Augen ins offene Messer rennen", sagt Mühlhauser. "Wenn es keinen Zusatznutzen gibt, aber die Gefahren größer sind als bei den bewährten Mitteln, verstehe ich nicht, warum es diese neuen Präparate überhaupt noch gibt." Fragen, die sich nicht nur an die Frauen richten, die eine der neueren Pillen schlucken, sondern auch an Ärzte und Gesundheitsbehörden. Warum verordnen Mediziner diese Form der Pille auch weiterhin? "Die Unwissenheit der Ärzte wie die der Patienten ist ein idealer Schauplatz für andere Interessen", sagt Mühlhauser nüchtern.

Das geschickte Marketing mit Verpackungen und Give-aways für die Girlie-Generation trägt dazu bei, dass die neuen Pillen kaum noch wie ein Medikament wahrgenommen werden, das eben auch Risiken und Nebenwirkungen hat, sondern wie ein Lifestyle-Produkt. Zudem ist den unterschwelligen Angeboten an die Psyche schwer zu widerstehen. "Die Schönheitsversprechen spielen eine wichtige Rolle für viele junge Frauen, die sich stark über ihr Äußeres definieren", sagt Marie-Luise Dierks. "Zudem erscheint der kurzfristige Nutzen größer und greifbarer als ein möglicher langfristiger Schaden, der zudem vielleicht ja doch nie eintritt."

Eugen Bleuler, ein Psychiater, hat schon 1919 über "das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin" geschrieben - und darüber, wie schwer es ist, es zu überwinden. Es gehe demnach in der Medizin nicht primär um die Wahrheit, sondern um die Erfüllung von Wünschen. "Mit Logik ist der Medizin leider oft nicht beizukommen", sagt Ingrid Mühlhauser. "Bekommt man gesagt, dass die Haut schöner wird, ist das andere doch egal und wird ausgeblendet. Risiken? Davon will man ja eigentlich gar nichts wissen." Hinzu kommt das fast völlig fehlende Statistikverständnis der meisten Ärzte, die nicht einordnen können, was ein bestimmtes Risiko für eine Frau konkret bedeutet. Mühlhauser fragt sich, wie Entscheidungen in der Medizin zustande kommen, wenn weder Laien noch Ärzte genau verstehen, worüber sie eigentlich reden.

"Es gibt für die einzelne Frau keine fünfzehntausendstel Thrombose oder Lungenembolie", sagt Petra Thürmann, Klinische Pharmakologin in Wuppertal. "Hier gilt das Alles-oder-Nichts-Prinzip. Entweder es trifft eine Frau oder nicht." Umso wichtiger sei es, dass Ärzte wie Patientinnen verstehen, auf welches Risiko sie sich einlassen und wie man es möglichst kleinhalten kann. Eigentlich ganz einfach: durch die Einnahme von Pillen, für die in zahlreichen epidemiologischen Studien das geringste Risiko gezeigt werden konnte.

Leider gibt es in Deutschland keine Verpflichtung für Ärzte, ihre Patienten nach dem besten verfügbaren Wissen und entsprechend den Leitlinien zu behandeln. Ärzte berufen sich gerne auf ihre Therapiefreiheit - und rechtfertigen damit so manchen Wildwuchs in der Behandlung. "In der Summe führt dies dazu, dass es viele schlechte Entscheidungen und Therapien gibt", so Mühlhauser. "Man sollte als Arzt stattdessen lieber von seiner Therapieverantwortung reden."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB