Medizin Gefährliche Nähe

Der Beutelteufel gilt sowohl als aggressives wie neugieriges Tier, bei Aufregung färben sich seine Augen rot.

(Foto: Darran Leal)

Kaum eine Erkrankung ist wohl so gefürchtet wie Krebs. Was aber, wenn er auch noch ansteckend ist? Was dann passiert, beobachten Biologen am Tasmanischen Teufel.

Von Astrid Viciano

Alles begann mit einem schwarzen Klumpen am Straßenrand. Elizabeth Murchison war tagelang durch den Urwald Tasmaniens gewandert und fuhr gerade nach Hause, als sie die dunkle Masse sah. Die Biologin ließ sofort anhalten, sie musste wissen, was dort geschehen war. Bald konnte sie dichtes Fell ausmachen, spitze Ohren und mächtige Zähne, sie ragten aus dem offenen Maul des Tieres. Es war so lang wie Murchisons Unterarm und rührte sich nicht mehr. Sie hatte einen toten Tasmanischen Teufel gefunden.

Auf der Wanderung erst hatte sie ihren Freunden von ihren Plänen erzählt, den Tasmanischen Teufel vor dem Aussterben zu retten. Wie bei anderen Tieren ist der Lebensraum des Raubbeutlers bedroht, wie das Jungtier werden viele von ihnen überfahren. Was Sarcophilus harrisii ausrotten könnte, ist aber etwas anderes. Unter den Tieren grassiert ein aggressiver Krebs. Selbst der Tasmanische Teufel am Straßenrand hatte daran gelitten, Murchison hatte einen dicken Knoten in seinem Gesicht entdeckt. "Das war ein entscheidender Moment in meinem Leben", erinnert sie sich heute. Sie legte den Kadaver in den Kofferraum, um ihn zu untersuchen. Das war vor zwölf Jahren.

Murchison weiß, dass Krebs so gefürchtet ist wie kaum eine andere Erkrankung. Tumorzellen breiten sich im Körper aus, Metastasen wachsen in Lunge oder Gehirn, Leber oder Knochen. Schrecklich für jeden Einzelnen, aber zunächst einmal kein Grund zur Sorge für die Umgebung. Normalerweise. Doch der Krebs des Tasmanischen Teufels bildet eine Ausnahme: Er ist ansteckend. Was wir daraus über die Krebsentstehung beim Menschen lernen können, erforscht Elizabeth Murchison an der Universität Cambridge. Erst in dieser Woche hat sie im Fachblatt Science wieder eine Studie dazu veröffentlicht. "Sie ist eine der führenden Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet", sagt der Biochemiker Stephen Goff von der Columbia University, der am gleichen Thema forscht.

Elizabeth Murchison, 38, forscht an der Universität Cambridge an ansteckendem Krebs, vor allem an Tasmanischen Teufeln und Hunden.

(Foto: privat)

Ihr selbst würde nie einfallen, mit ihren Erfolgen zu prahlen; mit leiser Stimme erzählt die Biologin in ihrem Büro sehr strukturiert davon, wie sie seit Jahren das Rätsel um den ansteckenden Krebs zu lösen versucht. Zunächst vermutete sie, dass ein Virus dahinterstecken könnte, ähnlich wie das humane Papillomavirus HPV, das von einem Menschen zum anderen übertragen wird und bei infizierten Mädchen und Frauen das Risiko für Gebärmutterhalskrebs erhöht. "Wir haben aber keinen Erreger finden können", sagt die Biologin. Die Krebszellen selbst übertragen sich auf andere Tiere! Als ob der Krebs eine Metastase bilden würde, aber in einem anderen Körper. Dies zu erforschen sei enorm wichtig für den Menschen, sagt Murchison. Auch, weil sich so beobachten lässt, wie Krebs sich im Lauf der Evolution verändert hat, welche Mechanismen ihm halfen, dem Immunsystem zu entgehen und wie die Tumorzellen andere Tiere infizieren. Wissenschaftler könnten sogar neue Wege entdecken, Tumore beim Menschen zu bekämpfen, indem sie sich ansteckenden Krebs bei Tieren ansehen. Muscheln zum Beispiel leiden auch an übertragbarem Krebs, sogar Hunde erkranken daran.

Die Molekulargenetikerin deutet auf eine Tasse, auf der ein grauer Hund abgebildet ist, ein großes Tier, mit spitzen Ohren und glatten Haaren. So etwa sah der erste krebskranke Vierbeiner aus, hatte Murchison vor vier Jahren mit Kollegen im Fachblatt Science berichtet. Inzwischen weiß sie, dass das graue Tier näher mit den frühen Hunden Nordamerikas verwandt war als mit jenen, die später mit den Europäern auf den Kontinent kamen. Damit sind die Tumorzellen fast die einzige Spur, die von den frühen Hunden Nordamerikas bleibt, die Tiere selbst wurden von europäischen und asiatischen Verwandten verdrängt, berichtet die Biologin mit einem Forscherteam in dieser Woche, erneut in Science: "Es ist faszinierend, die Identität dieser alten Hunde zu rekonstruieren, deren Erbgut bis heute in den Krebszellen lebt." Die Vierbeiner erkrankten vor 6000 bis 8000 Jahren erstmals an Krebs.

Die Schreie der Beuteltiere haben die Forscherin von klein auf begleitet

Lebensbedrohlich sind die Tumore bei Hunden nicht, im Gegensatz zur Erkrankung der Tasmanischen Teufel. In Murchisons Büro liegt ein Buch über die Geschichte des Beutelteufels, eine historische Zeichnung des Tiers lehnt an der Wand, im Bücherregal steht ein Tasmanischer Teufel als Plüschtier. Sogleich erklärt die Australierin, dass der Kopf des Kuscheltiers zu klein geraten sei, auch das Gebiss sei nicht so kräftig wie beim echten Beutelteufel. Schon als Kind sei sie von Tieren fasziniert gewesen, zum Beispiel von Wombats: "Die sehen aus wie kleine Bären, torkeln stets ein wenig und stoßen mitunter mit Menschen zusammen, weil sie so schlecht sehen." Die zierliche Forscherin ist 38 Jahre alt, sieht jedoch aus wie eine Studentin, sie trägt eine grüne Hose, eine Strickjacke und feste Schuhe, sie wandert gern.

Ein Tasmanischer Teufel hat sie bei ihren Ausflügen aber nie angerempelt. Nur die Schreie der Beuteltiere haben sie von klein auf begleitet, nachts, wenn sie mit ihrer Familie zeltete. Murchison spielt ein Video ab, es hört sich an, als kreischten sehr wütende, heisere Babys. Daher fürchteten sich die britischen Kolonialherren im 19. Jahrhundert vor den Tieren, das Bild an ihrer Wand stammt aus jener Zeit. "Heute hat niemand mehr Angst vor ihnen", sagt die Biologin. Im Gegenteil, die Tasmanier sorgen sich um die Beutelteufel, deren Anzahl in den vergangenen Jahren um etwa 80 Prozent abgenommen hat.