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Medizin:Rechtzeitig aufhören?

Rechtzeitig aufhören? Wenn man Lange bei der Arbeit begleitet, dann sieht man einen Arzt, der in seinem Leben bislang immer nur angefangen hat. Er hat knifflige Operationsmethoden in Deutschland etabliert, er gilt als Querkopf in der Szene, weil er ein Verfahren anbietet, das vor zehn Jahren noch fest in der Hand der Kardiologie lag. Dem Patienten mag das egal sein, wer genau da Drähte in sein Herz schiebt - in der Fachwelt ist das entscheidend.

Am Vormittag operiert er mit dieser Methode, sie heißt TAVI, oder auch Transkatheter-Aortenklappen-Implantation. Er operiert also einen Patienten, im selben Jahr geboren wie er selbst, doch die Gefäße in seinem Körper sind voller Kalk, das Herz pumpt gegen Widerstände, es wird bald in den Streik gehen. Nach einer Stunde, nicht länger, wird eine neue Herzklappe dort sitzen, wo die alte zu versagen drohte. Und das Blut des Patienten schießt wieder in den Körper, der Blutdruck steigt in Sekunden, 180 zu 75 mmHg, langfristig zu hoch, für jetzt aber ganz wunderbar. In diesem Moment ist der Mensch für den Chirurgen eine Maschine, und Lange derjenige, der die Macken der Maschine repariert.

Wenn man Rüdiger Lange ein bisschen länger begleitet, dann sieht man einen Arzt, der auch mal für zwei Tage in der Businessclass zu Kongressen nach Japan fliegt und dann ein paar Schlaftabletten schluckt, um den Jetlag zu überwinden. Und an einem normalen Tag in der Klinik, zwischen OP und Interview, trinkt er zwei Café, eine Dose Red Bull ohne Zucker, die Sekretärinnen servieren auf den Konferenztisch, da ist es nicht mal Mittag und gegessen hat er an diesem Tag, wie immer, noch nichts. Und ja, der Nacken tut oft weh, wenn er sich Stunden nach vorne über ein Kinderherz beugt, das noch keine zehn Tage den Sauerstoff der kalten Krankenhausflure geatmet hat. Lange also schneidet das nächste Herzchen auf, damit es ein Leben lang noch weiterschlagen kann.

Operieren ist wie eine Rennradtour

Das gibt ihm so eine Kraft, dass er mittags ein Hochgefühl hat. Unbeschreiblich, so ein Kinderherz ins Leben zu schicken, das schaffen nicht viele. Wenn es klappt, und das ist gottlob meistens der Fall, dann hat er einem Säugling das Leben geschenkt, wie sich das wohl anfühlen mag? Und doch, die Angst vor den Fehlern, die gehört dazu, sonst wird man leichtsinnig und macht Fehler, sagt Lange. Operieren ist wie eine Rennradtour: Der Weg auf den Gipfel ist grausam, aber wenn du oben ankommst, das Trikot verschwitzt, fühlt sich das an wie Fliegen. Diese Anspannung zerrt so sehr an ihm, dass er manchmal mittags völlig kaputt ist, und eigentlich nach Hause gehen möchte.

Aufhören möchte.

Er bleibt dann in der Klinik und schreibt Briefe, liest Anträge, spricht mit seinen Assistenten, die er fördert, wenn sie Nadel und Faden denn richtig halten können und bereit sind, viel Zeit am OP-Tisch zu verbringen und weniger im Fitnessstudio mit einer Rolex am Handgelenk. Wer Menschen aufschneidet, wird manchmal auch zum Aufschneider, den packt die Sucht nach dem Hochgefühl, nach dem Moment, in dem er einem Menschen das Leben schenkt. Damit kann nicht jeder umgehen. Und damit kann auch nicht jeder einfach so aufhören, wenn es Zeit wäre.

Und Lange? Er sagt, er könne nicht immer abschalten. Zu Hause spricht er nicht über den Tag, will die Familie nicht belasten, und doch, sagen die Kinder, bringe er die Klinik manchmal mit. Er ist 14 Stunden am Tag der Chef, der nicht ja sagt, sondern nickt, wenn die Oberärzte fragen, ob man eine Hochrisiko-OP wagen soll. Und dann plötzlich Papa sein, der hofft, dass die Kinder die Augenlider noch offen haben, wenn er die Schuhe auszieht zu Hause?

Das Leben eines Chirurgen, sagt Lange, ist fürchterlich verarmt. Er kannte den Himmel jahrzehntelang nur als Blick durch Fensterscheiben. Und in der wenigen Zeit, die bleibt, außerhalb der Klinik, spiele dann Geld auch keine Rolle mehr: edle Hotels, schnelle Autos, teure Restaurants. Er will dann, sagt er, möglichst viele Dinge erleben, die etwas mit Leben zu tun haben. Andererseits, wenn er am Morgen unten durch die Drehtür reinkommt, den weißen Kittel anzieht, am Herzen steht eingestickt Prof. Dr. Lange, Direktor, dann sei er in seiner Welt, das ist ja auch sein Leben, und dieses Leben hat nun mal einen Preis.

Also doch nicht aufhören?

"Ich habe Angst vor der Bedeutungslosigkeit", sagt er. Als Chefarzt ist Lange ein Star, Herr Professor hier, Herr Professor da, man kann mit ihm keine zwei Minuten sprechen, ohne dass er angesprochen wird. Ein 25-jähriger Patient blutet nach einer Herzkatheteruntersuchung, Not-OP, können Sie bitte kommen, Herr Lange? Aber wenn es vorbei ist, von heute auf morgen, interessiert sich womöglich niemand mehr für ihn. Und weil das so hart ist, bleiben viele der Medizin treu, wollen im OP stehen, auch dann, wenn die Hände schon zittern. Sie schlafen als Greise in der vorletzten Stuhlreihe auf Fachkongressen ein. Lange weiß das und fürchtet sich davor, er will den Schnitt, den er ein Leben lang geübt hat, auch in seinem Leben machen. Rechtzeitig aufhören. Und dann?

Er wäre gerne ein Vater, der mit den Kindern nachmittags auf dem Fußballplatz spielt, sagt er. In zwei Jahren winkt der Ruhestand. Er könnte aufhören. Andererseits: Seine Hände zittern nicht und er will sich noch einen Wunsch erfüllen. Er will einen neuen Kinderherzchirurgen an die Klinik holen und einen Nachfolger aufbauen. Jemand, der hochkomplexe Operationsverfahren beherrscht. Erst dann will er das Herzzentrum verlassen, erst dann, wenn alles seinen Gang geht. Rüdiger Lange hat an der Universität einen Antrag auf Verlängerung gestellt.

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