Süddeutsche Zeitung

Medizin:Der Hype um den Hanf

Lesezeit: 4 min

Von Kim Björn Becker, München

Die Abteilung ist im Souterrain untergebracht, nach dem Eingang gleich links und dann einmal die Treppe runter. Eine Stahltür gibt den Weg zu einem rot gefliesten Korridor frei, das ist der Weg zur Schmerzambulanz. Hierher kommen Menschen, deren grelle Rückenschmerzen einfach nicht verschwinden wollen; Patienten, die sagen, dass ihr Kopf vor Migräne bald zerspringt.

Was die Ärzte hier versuchen, ist eine Mischung aus Medizin und Psychologie. Es gibt, vereinfacht gesagt, Tabletten und Gespräche, weil chronischer Schmerz so ungemein komplex ist.

Jetzt also Cannabis. Einerseits sind die Blüten der Hanfpflanze die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Deutschland. Laut dem jüngsten Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung griff zuletzt jeder zehnte Mann und jede zwanzigste Frau in Deutschland zum Joint. In hohen Dosen kann Cannabis das Gehirn schädigen und zum Beispiel Psychosen auslösen.

"Es wirkt nicht gut schmerzlindernd", sagt Mediziner Irnich

Auf der anderen Seite schreiben viele dem Hanf therapeutische Eigenschaften zu - er soll vor allem Schmerzen lindern, aber auch die Muskeln entspannen, den Appetit anregen. Das alles sind Eigenschaften, die in der Medizin nützlich sein können. Seit etwas mehr als sieben Monaten gibt es darum ein neues Gesetz, das Kassenpatienten den Zugang zu medizinischem Gras erleichtern sollte. Vorgelegt von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), beschlossen von Union und SPD im Bundestag. Wenn alle anderen Therapieoptionen ausgeschöpft sind, sollen Schmerzpatienten Cannabis-Arzneimittel erhalten können, einfach verschrieben vom Haus- oder Facharzt.

Ein Montagabend im Oktober, es ist schon dunkel draußen. Drinnen sitzt Dominik Irnich unter Neonlicht an seinem Schreibtisch im Untergeschoss der Münchner Uniklinik. Es ist ja nicht so, dass man in seiner Abteilung für Schmerzmedizin nicht offen wäre für Neues, Irnich hat sich in seiner Doktorarbeit mit Akupunktur beschäftigt. Doch im Gegensatz zur Akupunktur, sagt er, sei die Wirkung von Cannabis bei Patienten mit chronischen Schmerzen bislang in keiner qualitativ hochwertigen Studie belegt worden. "Es wirkt nicht gut schmerzlindernd", sagt Irnich.

In Einzelfällen könne Cannabis als Medizin natürlich sinnvoll sein, aber diese Einzelfälle habe man auch vor der Gesetzeslockerung schon mit Cannabinoiden behandeln können. Es war bloß aufwendiger, da die Patienten erst eine Erlaubnis der Bundesopiumstelle in Bonn brauchten.

Gut ein halbes Jahr nach der Reform ist unter deutschen Ärzten der Streit über das Gras in vollem Gange. Kürzlich haben vier Mediziner um den Saarbrücker Internisten Winfried Häuser in einem Aufsatz für das Deutsche Ärzteblatt die Studienlage zu Cannabis ausgewertet - und kamen zu einem ernüchternden Ergebnis. Es bestehe eine "Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung der Wirksamkeit" von Cannabisprodukten und den Studienergebnissen "nach den Standards der evidenzbasierten Medizin", resümieren die Autoren.

Bei Schmerzpatienten seien die Hinweise auf eine Wirksamkeit von Cannabis nur eingeschränkt vorhanden, bei anderen Leiden gar nicht dokumentiert - dies gelte unter anderem für die angeblich appetitanregende Wirkung, die zum Beispiel Krebspatienten während einer Chemotherapie helfen soll, etwas zu essen. Für Dominik Irnich ist die Sache klar: "Es wird gerade ein richtiger Hype um Cannabis gemacht", sagt er. "Dieser Hype ist von der wissenschaftlichen Datenlage nicht ansatzweise gedeckt."

Das sieht Franjo Grotenhermen ganz anders. Der Mediziner hat seine Privat-Praxis in Rüthen, auf halber Strecke zwischen Dortmund und Kassel. Er gilt als Aktivist, der sich vehement für den medizinischen Einsatz von Cannabis einsetzt und dafür schon mal in den Hungerstreik geht. Grotenhermen ist überzeugt, dass es kaum eine andere Substanz gibt, die gegen so viele Leiden helfe wie der im Hanf enthaltene Wirkstoff Tetrahydrocannabinol, kurz THC. Grotenhermen spricht von rund 50 Leiden, gegen die das Gras helfe, und dass die Studienlage dünn sei, stimme nicht.

"Es gibt gute Daten bei der Therapie von chronischen Schmerzen, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust", sagt er. Und selbst wenn noch Lücken seien in der Forschung, wisse man inzwischen, dass Cannabis vielen Menschen helfe. "Es ist Patienten doch nicht zuzumuten, dass sie weitere 20 Jahre warten müssen, ehe entsprechende Langzeitstudien veröffentlicht worden sind."

Während sich Fachleute gerade aufs heftigste über den medizinischen Nutzen von Cannabis streiten, beginnt die Reform in der Praxis längst zu wirken - Cannabis boomt, die Zahlen gehen steil nach oben. Bis Anfang Oktober sind bei den drei größten Krankenkassen(-gruppen) fast 10 000 Anträge auf eine Kostenübernahme von den Versicherten eingegangen. Das ergab eine Umfrage der Süddeutschen Zeitung unter den Allgemeinen Ortskrankenkassen, der Techniker Krankenkasse und der Barmer; bei diesen sind zusammen fast zwei Drittel aller Kassenpatienten versichert.

In 6200 Fällen sagten die genannten Kassen zu, die Kosten für Cannabis-Medikamente zu tragen - das ergibt eine Zustimmungsquote von fast zwei Dritteln. Im Juni hatte die Quote noch bei etwa 50 Prozent gelegen. Die Zahlen decken sich mit den Angaben des Apotheken-Spitzenverbands. Dieser teilte unlängst mit, dass im ersten Halbjahr 10 000 Einheiten von medizinischen Cannabisblüten auf Kassenrezept abgegeben wurden (siehe Kasten). Die Zahl der von Ärzten ausgestellten Rezepte vervielfachte sich binnen kurzer Zeit: Im April waren es noch 884, im Mai dann schon 1518 und im Juni bereits 2213.

"Ich bin doch keine Versorgungsstation für Gras"

Bevor das neue Gesetz in Kraft getreten ist, hatten bundesweit nur etwa 1000 Personen eine Cannabis-Sondergenehmigung. Der auf Hanfprodukte spezialisierte Teil der Pharmaindustrie profitiert derweil von der Cannabis-Welle in Deutschland. Die Nachfrage nach getrockneten Blüten ist so groß, dass es vielfach Lieferprobleme gibt, wie der Apothekerverband bestätigt.

Nach Ansicht des Schmerzmediziners Dominik Irnich hat die Reform von Gesundheitsminister Gröhe bei vielen Patienten falsche Hoffnungen geweckt - weswegen Chroniker und Süchtige nun gleichermaßen die Praxen auf der Suche nach einem Arzt abtelefonierten, der bereit sei, ein Rezept auszustellen. Etwa zwei bis drei Anrufer verzeichne man in der Schmerzambulanz der Münchner Uniklinik jeden Tag, sagt Irnich. Darunter seien auch Abhängige, die sich nun auf Kosten der Solidargemeinschaft ihr Gras beschaffen wollten.

Kürzlich habe ein junger Mann sich als Patient mit chronischen Schmerzen vorgestellt und zwei Ärzte sowie einen Psychologen einen ganzen Tag lang beansprucht - die Untersuchung in der Ambulanz ist aufwendig, da chronischer Schmerz immer individuell therapiert wird. "Am Ende kam heraus, dass er an einer umfangreichen Schmerztherapie gar nicht interessiert war. Er hatte von seinem Hausarzt schon Cannabisblüten verschrieben bekommen und wollte von uns bloß ein Rezept für noch bessere Blüten", sagt Irnich. "Ich bin doch keine Versorgungsstation für Gras."

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SZ vom 24.10.2017
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