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Medizin:"Healthism" heißt der neue Gesundheitwahn

Als "Healthism" bezeichnen Wissenschaftler den Zwang, über eine maßvolle Lebensführung hinaus alles für die Gesundheit zu tun - darf's noch ein bisschen mehr sein? Man kann ja so viel falsch machen! Schon vor Jahren hat der New Yorker Ernährungswissenschaftler Paul Marantz ein anschauliches Bild für den grassierenden Gesundheitswahn gewählt: "Wenn sich jemand einen Cheeseburger an die Lippen hält, ist das ja mittlerweile moralisch gleichbedeutend damit, sich eine Pistole an die Schläfe zu setzen."

Gesunde fühlen sich bereits stark unter Zwang, die selbst gesetzten Vorgaben zu erfüllen. Noch stärker ist dieser Druck bei Kranken, etwa Menschen mit der Darmerkrankung Colitis Ulcerosa. "Dann wirst du bekloppt, weil du von Nutella träumst", heißt ein Fachartikel zum Thema, den Himmel und seine Mitarbeiter verfasst haben. Sie wollen damit die Erfahrungen der Betroffenen in den Mittelpunkt stellen, denn auch Ärzte wissen zumeist ja nicht, wie es sich anfühlt, mit der Krankheit zu leben, welche Hoffnungen und Ängste den Alltag der Betroffenen bestimmen.

"Patienten mit Colitis Ulcerosa brauchen Jahre, um herauszufinden, was sie vertragen und was ihnen nicht bekommt", sagt Himmel. "Deswegen ist das Thema richtige Ernährung für sie so dominant." Es gibt keine allgemeingültigen Empfehlungen für den Speiseplan, sondern vor allem große individuelle Unterschiede. Was der eine toleriert, löst beim anderen blutigen Durchfall aus. Für die Patienten bleibt daher das Gefühl, es ist ihr Körper, der krank und damit das Problem ist. "Sie denken: Ich bin derjenige, der falsch ist", hat Himmel beobachtet.

Manche Kranke berichten, dass sie immer wieder von Torten oder Pommes träumen - und sich dafür hassen, diesen Gelüsten nicht ausreichend widerstehen zu können. Sie diskreditieren sich selbst und haben das Gefühl, sich dauernd rechtfertigen zu müssen, wenn die Krankheit voranschreitet oder bestimmte Messergebnisse nicht so ausfallen wie gewünscht.

Trotz permanenter Selbstkontrolle wird immer wieder das Ziel verfehlt. Das schlechte Gewissen gerät zum Dauerzustand

Parallel zu dieser mentalen Selbstgeißelung verniedlichen sie ihr Verhalten, wenn sie doch mal über die Stränge schlagen. "Nur ein Löffelchen Mayo", "nur ein kleines Stückchen Kuchen" hätten sie zu sich genommen und "lediglich eine Kleinigkeit gegessen". Ebenso schuldbewusst wie zerknirscht halten sich die Patienten schon bei der kleinsten Verfehlung für Sünder, betonen aber in Gesprächen mit ihren Ärzten immer wieder, dass sie auf keinen Fall maßlos sind.

Eine andere Strategie besteht darin, die erzwungene Enthaltsamkeit positiv umzudeuten, zu loben und als neue Freiheit zu adeln, mit der man sich einfach besser fühlt - und obendrein gesünder lebt. "Man muss sich diese Einschränkung im Alltag vorstellen", sagt Himmel. "Alles, was wir gerne machen, wobei wir Spaß haben, kann nicht offen und lustvoll beschrieben werden, sondern wird mit einem Vokabular abgeschirmt, das zeigt, wie diszipliniert die Patienten sind."

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