Medizin "Da bin ich bei Privatversicherten sicher großzügiger"

Blutdruckmessung beim Hausarzt.

(Foto: dpa)

Strenge Vorgaben und das Honorarsystem machen Termine für Kassenpatienten am Quartalsende rar. Wie das zu ändern ist, erklärt der Allgemeinarzt Wilhelm Niebling im Interview am Morgen.

Von Felix Hütten

Wissenschaftler der Universität Hamburg haben in einer Studie gezeigt, wie sich Haus- und Fachärzte vom Geld leiten lassen - und gesetzlich versicherte Patienten am Ende eines jeden Quartals Probleme bekommen, einen Termin zu vereinbaren. Sind Ärzte also geldgierig - ohne Rücksicht auf Verluste? Fragen an Wilhelm Niebling, Allgemeinarzt in Titisee-Neustadt und Leiter des Lehrbereichs Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Freiburg.

SZ: Herr Niebling, wenn ich als Kassenpatient in Ihrer Praxis einen Termin brauche, habe ich am Ende des Abrechnungsquartals eine Chance?

Wilhelm Niebling: Haben Sie, denn in unserer Praxis arbeiten acht bis neun Ärzte. Auch gegen Ende eines Quartals haben wir geöffnet. Es gibt sicher auch bei uns Zeiten mit wenigen Terminen, das liegt aber mehr an Urlauben oder Ausfällen.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich tagesaktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

In Praxen, in denen nur ein Arzt arbeitet, sieht das oft anders aus.

Ich weiß, dass manche Hausärzte, die alleine arbeiten, gegen Ende eines Quartals gerne mal Urlaub einlegen oder keine Termine mehr anbieten.

Haben Sie dafür Verständnis?

Ich kann es nachvollziehen, wenn Kollegen versuchen, weniger dringliche Behandlungen um ein paar Tage in den nächsten Monat zu verschieben, um sie bezahlt zu bekommen.

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Und der Patient mit Herzinfarkt muss sich eine Woche gedulden?

Wenn man akute Beschwerden hat, zum Beispiel starke Schmerzen oder Atemnot, dann wird es keinen Hausarzt geben, der sagt: "Kommen Sie in zwei Wochen wieder, wenn das neue Quartal beginnt." Allerdings schätzen Patienten häufig ihre Beschwerden deutlich schlimmer ein, als sie - wie sich mit einer Diagnostik herausstellt - tatsächlich sind.

Wie Sie sagen: mit einer Diagnostik. Wie also kann es gelingen, dass diese Patienten untersucht werden?

Wir haben in Deutschland das Problem, dass Patienten deutlich häufiger zum Arzt gehen als in anderen europäischen Ländern, zum Beispiel in Skandinavien. Dadurch werden Termine knapp. Das hat mit unseren Regeln zu tun, Arbeitgeber verlangen zum Beispiel schon am dritten Krankheitstag ein Attest, manchmal müssen sogar Schüler statt einer Entschuldigung der Eltern eine Krankschreibung vorlegen.

Auch Rezepte für chronisch Kranke wie Diabetiker müssen ständig erneuert werden. In Schweden hingegen können Diabetiker ihre Rezepte über Monate hinweg immer wieder einlösen. Hier braucht es ein Umdenken, so würden Ärzte entlastet - und Termine frei werden.

Welchen Beitrag können die Ärzte leisten, um das Problem zu beheben?

Ärzte werden immer auch durch die Gebührenordnung gesteuert. Wir brauchen eine Reduktion auf jene Behandlungen, die medizinisch sinnvoll sind, wie es auch die Kampagne "Klug entscheiden" fordert. Also: Sind denn wirklich alle Therapien, auch jene, die sich Patienten wünschen, wirklich notwendig?

Häufig nicht. Besonders Privatversicherte bekommen oft Behandlungen, die eigentlich unnötig sind.

Leider ist das so, weil die Leistungen für Privatpatienten eben auch bezahlt werden. Und das Honorarsystem steuert möglicherweise auch unbewusst ärztliches Verhalten.

Beobachten Sie das bei sich selbst auch?

Ich denke da an die Verordnung von Krankengymnastik oder Ergotherapie; da bin ich bei Privatversicherten sicher großzügiger, ja. Wir nehmen pro Fall mit Privatversicherten eben mehr ein. Das heißt aber auch, dass durch diese Mehrerlöse Investitionen möglich sind, die dann auch den Kassenpatienten zugutekommen.

Wäre es da aber nicht gerechter, wenn alle Patienten gleich viel oder wenig Geld in die Kassen spülen würden, Stichwort Bürgerversicherung?

Ich habe durchaus Sympathien für die Grundidee der Bürgerversicherung. Alle Menschen bekommen eine Grundabsicherung und können, wie eine Art Schaltersystem, individuelle Zusatzversicherungen abschließen. Aber es wird das Problem der Terminvergaben sicher nicht lösen können, denn die Möglichkeiten der Zusatzversicherungen werden wieder für Ungleichheiten sorgen.

Kein besonders erfreulicher Ausblick zum Ende unseres Gesprächs.

Unser Gesundheitssystem ist an und für sich sehr gut, das darf man nicht vergessen. Wenn zudem mehr Patienten wüssten, dass sie in den KV-Notfallpraxen, unter der Telefonnummer 116 117, auch außerhalb der normalen Sprechzeiten Hilfe bekommen, wäre viel erreicht. Zweitens wünsche ich mir mehr Augenmaß von allen: Manche Patienten verlangen zu viel und manche Ärzte machen zu viel.

Hoffentlich nicht privat versichert!

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