Medizin Transfusionen sind riskanter als man dachte

Doch nicht nur deshalb wollen Ärzte den Einsatz von Blutkonserven reduzieren: Sie sind riskanter, als man dachte. "Eigentlich sind Transfusionen eine Mini-Organtransplantation - mit ähnlichen Risiken", sagt Patrick Meybohm, stellvertretender Direktor der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Frankfurt. Fremdblut beanspruche das Immunsystem zu einem Zeitpunkt, in dem es ohnehin mit Wundheilung und Krankheitserregern beschäftigt sei.

5 - 6 Liter Blut

enthält ein menschlicher Körper durchschnittlicher Größe, also etwa 70 bis 80 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht. Bereits ein Blutverlust von mehr als einem Liter kann ein lebensgefährlicher Verlust sein. Fehlt dem Körper mehr als die Hälfte seines Blutes, ist das in aller Regel tödlich.

Meybohms Chef Kai Zacharowski hat in einem Lehrbuch aus dem Jahr 2015 mehrere Dutzend Studien zusammengefasst, die eine gewisse Gefährlichkeit von Bluttransfusionen nahelegen. Fremdblut-Empfänger scheinen nach einer Operation deutlich häufiger unter Krankenhausinfektionen, Schlaganfällen, Herzinfarkten oder Nierenversagen zu leiden. Außerdem begünstigen Transfusionen offenbar bestimmte Krebserkrankungen. In einer Analyse des Cochrane-Zentrums erlitten Darmkrebspatienten nach einer Transfusion eineinhalb Mal so häufig Rückfälle wie Darmkrebspatienten, die kein Fremdblut bekommen hatten.

Torsten Tonn, Transfusionsmediziner und Geschäftsführer des Blutspendedienstes Nord-Ost, hält die Beweislage dennoch für lückenhaft: "Diese Studien zeigen lediglich statistische Zusammenhänge. Sie beweisen nicht, dass die Bluttransfusionen tatsächlich die Ursache waren." Doch Studien höchster Güte sind aus ethischen Gründen kaum durchführbar - man müsste zwei Patientengruppen bilden und einer von beiden Bluttransfusionen grundsätzlich vorenthalten. "Selbstverständlich sind Transfusionen noch immer in hohem Maße lebensrettend", sagt auch Meybohm. "Weil wir aber noch nicht alle Risiken genau kennen, sollten wir Bluttransfusionen mit Bedacht und nur dann anwenden, wenn sie unbedingt nötig sind."

Es gibt viele Möglichkeiten, Blut zu sparen

Meybohm und Zacharowski haben deshalb vor wenigen Jahren gemeinsam mit den Universitätskliniken Münster, Kiel und Bonn ein Behandlungskonzept aus Australien weiterentwickelt, das den Verbrauch von Spenderblut drastisch reduzieren soll. Im Universitätsklinikum Frankfurt hat das bereits beeindruckend gut geklappt: "Wir kommen hier mit rund 15 000 Transfusionen jährlich aus, im Jahr 2013 waren es noch doppelt so viele", erklärt Intensivmediziner Meybohm. Viel einsparen ließe sich zum Beispiel bei Patienten mit Anämie, einer der wichtigsten Gründe für die Verwendung von Blutkonserven. Dem Blut der Betroffenen mangelt es an Hämoglobin und oft auch an roten Blutkörperchen, sodass der Transport von Sauerstoff schlechter funktioniert. "Hat ein Patient vor einer Operation eine Anämie, so bekommt er eben eine Bluttransfusion. Die kann man sich sparen, wenn man sich die Zeit nimmt, um die Ursache der Anämie zu beheben." Und da viele Operationen ohne Nachteile etwas verschoben werden, ließe sich so in vielen Fällen auf Fremdblut verzichten.

Auch sogenannte "Cell Saver" könnten beim Sparen helfen. Die Maschinen fangen das Wundblut bei einer Operation auf, waschen es und geben es wieder zurück. Viele große Kliniken hätten solche Geräte in ihrem Bestand, aber die Bedienung koste Personal und Zeit. "Einen Blutbeutel hängt man eben schneller an", sagt Meybohm. Leicht ließe sich der Blutbedarf auch senken, wenn man bei stationären Patienten bei Blutentnahmen kleinere Entnahmeröhrchen verwenden würde. "Die Maßnahmen sind keine hochwissenschaftlichen Winkelzüge, sondern eigentlich eher Projektmanagement", sagt Meybohm lakonisch. "Dabei geht es nicht ums Sparen am Patienten. Es geht darum, unnötige Risiken zu reduzieren und gleichzeitig die kostbare Ressource Blut nicht unnütz zu verschwenden."

Im Frankfurter Universitätsklinikum hat das Sparen positive Auswirkungen: In den drei Jahren nach der Einführung der Sparmaßnahmen sank die Zahl der Patienten mit akutem Nierenversagen um ein Drittel. Aktuell wenden in Deutschland rund sechs Prozent aller Kliniken den vollständigen Maßnahmenkatalog an. Meybohms Vision: "Ich stelle mir ein transfusionsfreies Krankenhaus vor, wenn es um geplante Operationen geht. Dann bleiben die Blutprodukte für die Patienten übrig, die sie wirklich brauchen, zum Beispiel für Opfer von Verkehrsunfällen."