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Medikamentenabhängigkeit:Vom schwierigen Entzug

Martina S. machte niemand auf ihren Zustand aufmerksam. Ihr Ältester schmiss den Haushalt für die Mutter und die zwei Geschwister. "Wir haben das Elend nicht wahrnehmen wollen", erinnert sich der Sohn. "Ich habe funktioniert wie ein Erwachsener." Irgendwann hatte seine Mutter dann einen Zusammenbruch. Bunte Punkte tanzten vor ihren Augen und Mäuse huschten über den Boden. Sie kam in eine Entzugsklinik.

Anders als Alkohol können Pillen nicht abrupt abgesetzt werden. Die Dosis muss Stück für Stück verringert werden. Ärzte sprechen auch von einem "Ausschleichen" aus der Sucht. Die Dauer der Entgiftung hängt von der Ausgangsdosis und der Einnahmezeit ab. "Im Extremfall dauert das acht bis zehn Wochen", sagt Roth. Ambulant kann sich das noch länger hinziehen.

Viele brauchen während dieser schwierigen Zeit Kontrolle und Aufsicht, denn die Entzugserscheinungen können mitunter heftig sein: Krampfanfälle, Verwirrtheit, Wahnvorstellungen, Delir, rasender Puls und Bluthochdruck, der auch einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen kann. Zu den leichteren Entzugserscheinungen gehören Unruhe, Ängstlichkeit, Schlafstörungen, Muskelzittern, Kopfschmerzen und Übelkeit.

Stärker erscheinen, als man ist

Auf die Entgiftung folgt die Entwöhnung. Die meisten Patienten benötigen dabei eine psychotherapeutische Begleitung. "Die Betroffenen müssen vor allem lernen, wie sie ihre Probleme wieder ohne Suchtmittel lösen können", betont der Klinikchef. Eine gute Strategie sei, eigene Schwächen anzunehmen und zu tolerieren. "Mit einem Suchtmittel vermeidet man nämlich genau das. Es gibt einem die Illusion, stärker zu sein, als man eigentlich ist", sagt der Psychiater.

Nicht immer klappt eine Entwöhnung gleich beim ersten Mal. Etwa 15 Prozent der Patienten werden Roth zufolge innerhalb eines Jahres wieder rückfällig. Davon sollte sich niemand entmutigen lassen. "Ein Jahr ohne Medikamente ausgekommen zu sein, ist bereits eine gute und wichtige Erfahrung", betont er. Oft braucht es mehrere Anläufe. "Wenn jemand sich nach einem Rückfall immer wieder anstrengt, hat er gute Chancen, richtig clean zu werden."

Martina S. nahm viermal Anlauf, bis sie ohne Schlafmittel auskam. Ihre depressiven Phasen bekam sie mit Medikamenten in den Griff, die nicht süchtig machen. Aber die Pillen hatten sie gezeichnet. Phobien machten es ihr unerträglich, draußen und unter Menschen zu weilen. Ihr restliches Leben verbrachte sie hauptächlich in der Wohnung.

*Der Name ist geändert, aber der Redaktion bekannt

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