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Medikamentenabhängigkeit:Drei Gruppen von Gefährdeten

Mehr als zwei Drittel der Pillensüchtigen sind Frauen. "Frauen gehen bei Beschwerden öfter zum Arzt als Männer. Bei so genannten funktionellen Störungen, also Krankheitsbildern ohne körperlichen Befund, greifen Ärzte häufig auch auf Beruhigungsmittel zurück", erklärt Peter-Michael Roth, Nervenarzt und Leiter der Oberbergkliniken Berlin-Brandenburg.

Untersuchungen der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe identifizierten drei Gruppen von Suchtgefährdeten: Junge Menschen, die die Medikamente zur Stressbewältigung nutzen; Menschen zwischen 45 und 65, die aufgrund negativer Lebensereignisse ängstlich depressiv sind und Schlafstörungen haben sowie über 65-Jährige, die Schlafmittel schon seit Jahren in gleicher Dosis verschrieben bekommen und für die ein Leben ohne diese Helfer nicht mehr vorstellbar ist.

Zustand der "Wurstigkeit"

In der Regel fällt die Sucht anderen eher auf als dem Kranken selbst. "Die eigene Wahrnehmung von Veränderungen wird durch das Suchtmittel getrübt", sagt Roth. "Wenn es schlimmer wird, vernachlässigen Betroffene sich und ihre Wohnung. Sie ziehen sich von Freunden und Kollegen zurück und werden interesselos. Leistungsfähigkeit und Antrieb lassen nach." Ähnlich wirken Opiate. Die Pillen dämpfen nicht nur Ängste oder lindern Schmerz, sondern nehmen auch die Freude am Leben. Abhängige geraten in einen Zustand der "Wurstigkeit", in dem ihnen alles egal ist. Die Sucht gleicht einer Depression.

Auch Martina S. erging es so. Mittags quälte sie sich aus dem Bett, aß und machte nur das Allernötigste im Haushalt, dann nahm sie ihre Tabletten. Am Abend erwachte sie erneut, sah fern und schluckte die zweite Charge, um wieder bis zum nächsten Mittag zu schlafen. Ihre drei Kinder nahm sie wie durch einen permanenten Nebel wahr.

Für viele sind die Pillen der Mittelpunkt, um den sich ihr Leben dreht. Sie nehmen die Tabletten nicht nur in höheren Dosen, sondern auch in immer kürzeren Zeitabständen und bei allen möglichen Symptomen ein. Um nicht aufzufallen, lassen sie sich die Präparate von verschiedenen Ärzten verschreiben.

Im fortgeschrittenen Stadium treten plötzliche Gedächtnislücken auf. Betroffene können sich dann an Stunden oder ganze Tage nicht mehr erinnern. Bei älteren Menschen werden die Symptome fälschlicherweise oft dem normalen Gedächtnisabbau oder einer Demenz zugeschrieben. Sie stürzen außerdem unter den Einfluss der dämpfenden Mittel häufiger.

Sich die eigene Sucht einzugestehen, ist für Abhängige eine große Hürde. "Trotz ihrer Scham sind aber viele auch erleichtert, wenn man sie offen und ohne Vorwürfe darauf anspricht", sagt Roth. Angehörige oder Freunde sollten mit dem Betroffenen ohne Vorverurteilung oder Kritik darüber sprechen, welche Veränderungen ihnen aufgefallen sind und dass sie sich Sorgen machen, rät der Arzt. "Vorwürfe bringen nichts, denn der Abhängige ist ja auf das Suchtmittel angewiesen und kann sich nicht vorstellen, ohne zu leben."

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