Medikamenten-Importe Arzneimittelmarkt immer anfälliger für Fehler und Betrug

Bis Tabletten und Salben in der Apotheke landen, werden sie oft mehrmals von Zwischenhändlern neu verpackt oder anders beschriftet. Das erleichtert Betrügern ihr Geschäft.

(Foto: Mareen Fischinger/imago/Westend61)
  • Unternehmen kaufen Pillen oder Säfte in jenen EU-Ländern, in denen sie wenig kosten, und verkaufen sie dort weiter, wo sie besonders teuer sind.
  • Das System ist intransparent und unübersichtlich und macht es Kriminellen einfach, gestohlene oder gefälschte Ware einzuschleusen.
  • Die Risiken sind kaum abzusehen. Weil das Hin- und Herverschieben den deutschen Krankenkassen Geld spart, ist es aber von der Politik gewollt.
Von Michaela Schwinn

Es ist nur ein kleiner Raum, etwa 15 Quadratmeter groß, und doch steht er für ein großes Versprechen. Das Versprechen, dass alle Medikamente, die hier hergestellt werden, auch wirklich wirken, dass sie gesund machen und nicht krank. "Das sollte selbstverständlich sein", sagt Franz Stadler, ein grauhaariger Mann in geringeltem Poloshirt. Vor vielen Jahren hat er in seiner Apotheke in Erding bei München diesen sogenannten Reinraum eingerichtet. Hier füllen er und seine Mitarbeiter jeden Tag Infusionen für krebskranke Menschen ab. "Selbstverständlich ist heute aber gar nichts mehr", sagt er.

Dieser Eindruck hat sich in den vergangenen Wochen verstärkt. Das brandenburgische Pharmaunternehmen Lunapharm verkaufte Krebsmittel, die aus griechischen - und vielleicht auch italienischen - Kliniken gestohlen wurden. Vieles in diesem Fall ist noch unklar. Etwa ob Lunapharm von dem Diebstahl wusste, wie viele Patienten die Mittel bekommen haben und ob diese überhaupt noch wirksam waren. Die brandenburgische Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) steht in der Kritik, Teile der Opposition fordern ihren Rücktritt. Hatten die deutschen Behörden nicht eingegriffen, obwohl sie von den gestohlenen Medikamenten wussten?

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Kurz darauf wurde der Blutdrucksenker Valsartan zurückgerufen. Die Tabletten seien bei der Herstellung in China verunreinigt worden, hieß es, mit einem möglicherweise krebserregenden Stoff. Sechs Jahre lang blieb das unbemerkt. 900 000 Deutsche könnten davon betroffen sein. Welche gesundheitlichen Folgen das für die Menschen hat, ist kaum einzuschätzen.

Auch wenn die beiden Fälle schwer zu vergleichen sind - bei Lunapharm agierte eine kriminelle Bande, bei Valsartan passierte ein schwerwiegender Fehler in der Produktion - lässt sich an ihnen gut erklären, wie sich der Arzneimittelmarkt verändert hat und wie er immer anfälliger wird für Fehler, für Fälscher und Betrüger.

Die Branche hat sich darauf spezialisiert, Medikamente in Europa hin und her zu verschieben

Lange galt Deutschland als Apotheke der Welt. Tabletten, Säfte und Salben liefen massenweise über die Förderbänder der Fabriken von Hoechst und Bayer. Heute kommen etwa 80 Prozent aller Wirkstoffe aus Indien und China - dort sind die Löhne niedrig und die Herstellung ist günstig. Spezialisiert haben sich diese Länder auf billige Generika, also Medikamente, deren Patentschutz ausgelaufen ist und die nun von jeder Firma kopiert werden dürfen - genau wie Valsartan. Doch das ist nicht das einzige Problem im weltweiten Arzneimittelmarkt.

Apotheker Franz Stadler hält eine schmale Schachtel in der Hand, eine Packung Schleimlösertabletten. Nichts wirkt daran ungewöhnlich und doch hätte sie Stadler am liebsten gar nicht in seiner Apotheke. Der Grund: ein klein gedrucktes Wort auf der Rückseite der Schachtel: umverpackt. Dahinter steht ein Firmenname. Aber nicht der des Herstellers, sondern der eines Zwischenhändlers. Das Medikament ist eine sogenannte Importware.

Eine ganze Branche hat sich inzwischen darauf spezialisiert, Medikamente innerhalb Europas hin- und herzuverschieben. Unternehmen kaufen Pillen oder Säfte in jenen EU-Ländern, in denen sie wenig kosten, und verkaufen sie dort weiter, wo sie besonders teuer sind. So kommt ein Medikament von einem Zwischenhändler zum nächsten. Von Italien nach Slowenien, von Slowenien nach Deutschland. Oder von Deutschland nach Griechenland und wieder zurück. Es kann sein, dass es mehrmals umgepackt oder umetikettiert wird. Ob es richtig gelagert und gekühlt wird, weiß niemand. Das System ist intransparent und unübersichtlich und macht es Kriminellen einfach, gestohlene oder gefälschte Ware einzuschleusen - so wie bei Lunapharm, das die gestohlenen Krebsmittel möglicherweise für ganz normale Importware hielt.

Trotz dieser Risiken sind die Importe legal und sogar politisch gewollt. Denn durch das Hin- und Herverschieben sparen deutsche Krankenkassen Geld. Je nach Schätzung zwischen 120 und 240 Millionen Euro im Jahr. Sie machen Medikamente bezahlbar und halten die Kassenbeiträge niedrig. Aus dieser Perspektive erfüllen die Importe - und auch die Produktion in Billiglohnländern - einen guten Zweck.

Das sei grundsätzlich richtig, sagt Apotheker Franz Stadler, aber die Arzneimittelsicherheit werde dadurch zerrieben: "Wenn sich nicht bald etwas ändert, laufen wir auf den nächsten Contergan-Skandal zu." Deshalb hat er seine Kollegen zum Boykott aufgerufen: Sie sollen keine Importarzneimittel mehr abgeben. Auch wenn das für sie teuer werden könnte. Denn jede Apotheke muss eine gesetzlich vorgeschriebene Importquote erfüllen. Tut sie das nicht, drohen hohe Strafzahlungen. "Wir haben so lange geschwiegen", sagt Stadler, "jetzt muss sich endlich was tun."

Medikamente sind keine Schnürsenkel oder Autoreifen. Es geht um unsere Gesundheit

Mit dieser Forderung ist er nicht allein. Nach den jüngsten Skandalen diskutieren Apotheker, Verbände und Politiker darüber, wie Sparen und Sicherheit besser verknüpft werden können. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich nach fünfwöchigem Schweigen zum Fall Valsartan geäußert: "Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Medikamente ohne Verunreinigung hergestellt werden", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Man habe begonnen, den Fall mit den zuständigen Behörden in Europa und in den Bundesländern genau zu analysieren. "Das machen wir mit gebotener Sorgfalt, um dann aber zügig mögliche Konsequenzen umzusetzen." Welche Maßnahmen er genau meint, ließ der Minister aber offen.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Union, Karin Maag, hat konkrete Vorschläge, was man in Zukunft besser machen könnte. An vielen Stellen werden Arzneimittel kontrolliert durch europäische Behörden, aber auch durch die Hersteller selbst. In Deutschland kümmern sich die Länderbehörden um die Arzneimittelaufsicht. Allerdings seien diese laut Maag unterschiedlich gut aufgestellt, technisch und personell. Am liebsten wäre ihr deshalb "eine richtig gute Truppe auf hohem Niveau" auf Bundesebene - etwa im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, das sich bisher vor allem um die Zulassung von Medikamenten kümmert.

Bei den Kontrollen in Deutschland würde auch Wolf-Dieter Ludwig ansetzen. Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft arbeitet mit an der Aufklärung im Fall Lunapharm. "Die Landesbehörden agieren zu langsam und sind offensichtlich häufig mit der Überwachung überfordert", sagt er. "Wenn man sie mit Aufgaben betraut, die sehr kompliziert sind und die schnelles Handeln erfordern, dann muss man auch mehr Personal zur Verfügung stellen." Wie Karin Maag hält auch er nichts davon, Importe schlechtzureden, sie seien wichtig, um das Arzneimittelsystem finanzierbar zu machen.

Franz Stadler sieht das anders. Er schließt den Reinraum in Erding ab, streift die blauen Gummiüberzieher von den Schuhen und sagt: "Medikamente sind keine Schnürsenkel oder Autoreifen. Es geht um unsere Gesundheit." Deswegen wird Stadler auch im nächsten Monat die Importquote nicht erfüllen - und lieber Hunderte Euro Strafe zahlen.

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