Süddeutsche Zeitung

Medikamente in Straßenverkehr:Wenn der Körper auf Autopilot fährt

Lesezeit: 3 min

Heuschnupfenmittel, Blutdrucksenker, Schmerztabletten: Viele Medikamente können für Autofahrer zur Gefahr werden. Zehntausende Unfälle pro Jahr dürften auf das Konto von Nebenwirkungen gehen. Doch das Problembewusstsein fehlt - nicht nur bei Patienten.

Von Berit Uhlmann

Zwei Uhr nachts kapitulierte der Geschäftsmann. Als die Gedanken an die Termine des nächsten Tages, an unerledigte Aufgaben und jüngste Streitigkeiten in der Familie noch immer nicht weichen wollten, nahm er doch eine Schlaftablette. Vier Stunden später fiel er der Polizei auf, weil sein Wagen immer wieder Schlangenlinien fuhr. Die Beamten trafen auf einen Mann, der nur langsam und nuschelnd reagierte. Frank Musshoff, Rechtsmediziner am Forensisch-Toxikologischen Centrum (FTC) in München kennt solche Fälle: "Spät eingenommene Schlafmittel können wie Restalkohol wirken." Und doch ist das Bewusstsein für die Gefahren von Medikamenten nicht so ausgeprägt wie das für Alkohol. Als unterschätztes Problem werteten deshalb die Experten auf dem Verkehrsforum der Süddeutschen Zeitung den Umgang mit Medikamenten im Straßenverkehr.

Zwar wissen prinzipiell 99 Prozent der Deutschen, dass Medikamente die Fahrtüchtigkeit beeinflussen können, zitiert Matthias Graw, Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin an der Münchner LMU, aktuelle Umfragen. Doch jeder Sechste gab zu, schon einmal gefahren zu sein, obwohl er genau um die Nebenwirkungen seiner Tabletten wusste.

Und dies ist nur ein Teil des Problems, denn vielen Autofahrern dürfte gar nicht klar sein, welche Medikamente ihnen gefährlich werden können. Die Fahrtüchtigkeit schränken nicht nur etliche Schlaf-, Beruhigungs- und starke Schmerzmittel ein. Auch manche Antihistaminika, die Allergiker einnehmen, einige Blutdrucksenker, Insulin für Diabetiker und selbst ein Teil der frei verkäuflichen Schmerztabletten können Wirkungen haben, die niemand hinter dem Steuer haben will: Müdigkeit, verlangsamte Reaktionen, Schwindel und Übelkeit.

Hinzu können Wechselwirkungen kommen, die Laien gar nicht immer überblicken können. Und schließlich gibt es noch eine große Zahl von Menschen, die ihren Tablettenkonsum gar nicht mehr unter Kontrolle haben: Etwa 1,5 Millionen Personen in Deutschland gelten als medikamentenabhängig.

Die Folgen kann man nur erahnen. Laut einer französischen Studie gehen 3,3 Prozent aller Verkehrsunfälle auf die Wirkungen von Medikamenten zurück. In Deutschland wären dies etwa 80 000 Unfälle pro Jahr. Dennoch werden Pharmaka im Straßenverkehr selbst von Fachleuten nicht unbedingt als großes Problem wahrgenommen. Ärzte und Apotheker müssen ihre Patienten eigentlich auf Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit hinweisen. "Versäumen sie es, können sie im Schadensfall zur Verantwortung gezogen werden", erläutert Graw. Doch es ist fraglich, ob alle Ärzte es in der Hektik des Alltags mit der Belehrung so genau nehmen.

"Als Ausrede für Patienten taugt die fehlende ärztliche Aufklärung im Ernstfall allerdings nicht", sagt Steffen Küpper vom Polizeipräsidium München. Für das Fahren unter Medikamenteneinfluss kann eine Haftstrafe bis zu einem Jahr verhängt werden. Gefährdet der Fahrer dabei andere Menschen, drohen ihm bis zu fünf Jahre Gefängnis. Im Falle eines Unfalls steigt das Strafmaß weiter.

Verursachen Kranke mehr Unfälle?

Doch solange es nicht zum Unfall kommt, müssen sich nur wenige Menschen wegen ihres Medikamentenkonsums verantworten. Die Polizei konzentriert sich Küpper zufolge vor allem auf Alkohol und Drogen. Sollte es mehr Kontrollen geben? Der Beamte ist skeptisch. Es ist auf den ersten Blick nicht leicht festzustellen, ob ein Autofahrer unter Medikamenteneinfluss steht, nur müde ist oder schlicht ein besonders ausgeglichenes Gemüt hat. Es gibt zudem keinen Grenzwert für Medikamente. Und wo liegt die rote Linie zwischen Vorsicht und der Stigmatisierung von Kranken, wenn die Polizei anfängt, zahlreiche Patienten vorsorglich zum Bluttest zu bitten?

In diesem Punkt waren sich die Fachleute einig: Kranke unter Generalverdacht zu stellen und Pharmaka prinzipiell zu verteufeln, ist kontraproduktiv. Schließlich ermöglichen Medikamente manchen Patienten überhaupt erst, wieder mobil zu werden. Bisweilen kann die Hilfe aus der Pillendose Segen und Problem zugleich sein, wie das Beispiel der Zuckerkrankheit zeigt. So können Diabetiker ohne Behandlung schwere Schädigungen der Augen erleiden, die das Autofahren unmöglich machen. Doch auch durch eine Insulintherapie können - vor allem in der Gewöhnungsphase - Komplikationen auftreten. Besonders gefürchtet ist die Unterzuckerung. Sie trübt die Konzentration der Patienten und führt mitunter zur Gereiztheit, sagt Petra-Maria Schumm-Draeger, Chefärztin der Abteilung für Diabetologie, Endokrinologie und Angiologie am Städtischen Klinikum Bogenhausen.

Erfahrung und realistische Selbsteinschätzung

Patienten, die an Unterzuckerungen leiden, haben ein etwa zwölf bis 19 Prozent höheres Risiko, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden. Bei anderen Krankheiten ist die Gefahr größer: Wer aufgrund von nächtlichen Atemaussetzen, der sogenannten Schlafapnoe, sehr schlecht schläft, hat ein doppelt so hohes Unfallrisiko wie gesunde Menschen. Viermal höher liegt das Risiko für Menschen mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS. Doch ist das ein Grund zur Sorge? Das Unfallrisiko eines 16-Jährigen sei 42-mal höher als das einer 40-jährigen Frau, so Schumm-Draeger.

Dass Erfahrung und realistische Selbsteinschätzung viel wiegen und auch Schwächen kompensieren können, wissen Verkehrsexperten schon lange. Viele Hochbetagte fahren noch unfallfrei, weil sie kritische Situationen meiden. Und so liegt auch in stärkerer Eigenverantwortung ein Ausweg aus dem Dilemma der Medikamente. Im Zweifelsfall sollten Patienten auf eine Beratung beim Arzt oder Apotheker bestehen - oder sich freiwillig einem Reaktionstest unterziehen. Die viel geschmähte MPU muss keine Strafe sein, sagt Verkehrspsychologe Gerhard Laub vom TÜV Süd. Auch geht es bei dem Test nicht um alles oder nichts. Unter Umständen können Verhalten oder Tablettendosis angepasst werden. Mitunter reicht es auch, dem Körper Zeit zu geben, sich an neue Medikamente zu gewöhnen. Zeit, die Leben retten kann.

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SZ vom 22.03.2014/beu
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