Medikamente in Straßenverkehr:Verursachen Kranke mehr Unfälle?

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Doch solange es nicht zum Unfall kommt, müssen sich nur wenige Menschen wegen ihres Medikamentenkonsums verantworten. Die Polizei konzentriert sich Küpper zufolge vor allem auf Alkohol und Drogen. Sollte es mehr Kontrollen geben? Der Beamte ist skeptisch. Es ist auf den ersten Blick nicht leicht festzustellen, ob ein Autofahrer unter Medikamenteneinfluss steht, nur müde ist oder schlicht ein besonders ausgeglichenes Gemüt hat. Es gibt zudem keinen Grenzwert für Medikamente. Und wo liegt die rote Linie zwischen Vorsicht und der Stigmatisierung von Kranken, wenn die Polizei anfängt, zahlreiche Patienten vorsorglich zum Bluttest zu bitten?

In diesem Punkt waren sich die Fachleute einig: Kranke unter Generalverdacht zu stellen und Pharmaka prinzipiell zu verteufeln, ist kontraproduktiv. Schließlich ermöglichen Medikamente manchen Patienten überhaupt erst, wieder mobil zu werden. Bisweilen kann die Hilfe aus der Pillendose Segen und Problem zugleich sein, wie das Beispiel der Zuckerkrankheit zeigt. So können Diabetiker ohne Behandlung schwere Schädigungen der Augen erleiden, die das Autofahren unmöglich machen. Doch auch durch eine Insulintherapie können - vor allem in der Gewöhnungsphase - Komplikationen auftreten. Besonders gefürchtet ist die Unterzuckerung. Sie trübt die Konzentration der Patienten und führt mitunter zur Gereiztheit, sagt Petra-Maria Schumm-Draeger, Chefärztin der Abteilung für Diabetologie, Endokrinologie und Angiologie am Städtischen Klinikum Bogenhausen.

Erfahrung und realistische Selbsteinschätzung

Patienten, die an Unterzuckerungen leiden, haben ein etwa zwölf bis 19 Prozent höheres Risiko, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden. Bei anderen Krankheiten ist die Gefahr größer: Wer aufgrund von nächtlichen Atemaussetzen, der sogenannten Schlafapnoe, sehr schlecht schläft, hat ein doppelt so hohes Unfallrisiko wie gesunde Menschen. Viermal höher liegt das Risiko für Menschen mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS. Doch ist das ein Grund zur Sorge? Das Unfallrisiko eines 16-Jährigen sei 42-mal höher als das einer 40-jährigen Frau, so Schumm-Draeger.

Dass Erfahrung und realistische Selbsteinschätzung viel wiegen und auch Schwächen kompensieren können, wissen Verkehrsexperten schon lange. Viele Hochbetagte fahren noch unfallfrei, weil sie kritische Situationen meiden. Und so liegt auch in stärkerer Eigenverantwortung ein Ausweg aus dem Dilemma der Medikamente. Im Zweifelsfall sollten Patienten auf eine Beratung beim Arzt oder Apotheker bestehen - oder sich freiwillig einem Reaktionstest unterziehen. Die viel geschmähte MPU muss keine Strafe sein, sagt Verkehrspsychologe Gerhard Laub vom TÜV Süd. Auch geht es bei dem Test nicht um alles oder nichts. Unter Umständen können Verhalten oder Tablettendosis angepasst werden. Mitunter reicht es auch, dem Körper Zeit zu geben, sich an neue Medikamente zu gewöhnen. Zeit, die Leben retten kann.

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